Waldsterben auf Anhaltinisch

Zum „Polizeiruf: 110" aus Magdeburg vom Sonntag, 20.09.2020: "Funkstille“

20.09.2020, 20:15 Uhr

Kriminalrat Uwe Lemp (Felix Vörtler) hat Mist gebaut und im Suff einen Mann angefahren. Unweit von der Unfallstelle findet sich am nächsten Morgen eine Frauenleiche. Was soll Kollegin Doreen Brasch (Claudia Michelsen) aus diesem ganzen Schlamassel schließen? (Foto: MDR)

Manchmal reicht nur ein Moment, um die Zerrissenheit oder Einsamkeit einer Figur zu beschreiben. Ein Augen-Blick, eben. Und wenn wir im neuen Magdeburger „Polizeiruf“ gleich zu Beginn Uwe Lemp in die Augen blicken – dem kugeligen Kriminalrat, der eben noch bei einer Party ausgelassen getanzt und sich Avancen auf eine blonde Nacht gemacht hatte, aber leider abserviert wurde – dann sehen wir nicht nur, dass Polizisten auch nur Menschen sind, sondern was für ein feiner Schauspieler Felix Vörtler ist.

Und es kommt noch schlimmer für den Kommissar. Frustriert fährt er im Suff von der Party nach Hause, als ihm mitten im Wald ein Mann vor‘s Auto springt, den er streift. Doch als Lemp Hilfe holen will, ist der Kerl wieder verschwunden. Dafür findet sich am nächsten Morgen unweit der Stelle die Leiche einer jungen Frau. Hingerichtet mit einem Kopfschuss. Hatte Lemp nun den Mörder oder ein weiteres Opfer gerammt?

So fängt ein guter Krimi an! Und er wird immer besser. Denn auch Kollegin Doreen Brasch (Claudia Michelsen) wird nicht schlau aus dem Ganzen, selbst nach Lemps Unfall-Beichte. Schließlich sei die Tote, so der überraschte Vater (Christian Kuchenbuch), doch vor vier Jahren zusammen mit ihrem Freund bei einem Autounfall verbrannt. Wie passt das alles zusammen?

Das verraten Michael Ganthenberg, Paul Salisbury (Buch) und David Nawrath (Buch, Regie) natürlich nur häppchenweise, so dass wir genüsslich aus den wenigen Indizien die verrücktesten Theorien spinnen können. Dass am Ende die „Wahrheit“ hinter dem Mordfall noch verrückter ist, versteht sich von selbst. Spätestens, als sich an gleicher Stelle – wieder im Wald – die nächste Leiche findet.

Nicht selbstverständlich dagegen ist, wie diese Groteske zwischen Drogenmafia und Staatsschutz vom Ensemble getragen wird, bis in die Nebenrollen. Allen voran von Vörtler und Michelsen, die erneut beweisen, dass sie als TV-Ermittler genial zusammenpassen. Voller Feinsinn, Witz und sehenswerten Aussetzern. Einfach klasse!

Sonntag, 20.15 Uhr, ARD