Schlacht der Generationen zum Jubiläum

Zum „Tatort" aus dem Berlin vom Sonntag, 04.10.2020: "Ein paar Worte nach Mitternacht“

03.10.2020, 20:15 Uhr

Die Berliner Kommissare Rubin und Karow (Meret Becker, Mark Waschke) rätseln über der Leiche des Bauunternehmers Klaus Keller (Rolf Becker), der just an seinem 90. Gebrutstag ermordet wurde. Weist das Schild um seinen Hals auf einen rechtsradikalen Mordanschlag hin? (Foto: RBB)

Im 30. Jahr der Wiedervereinigung ist es an Berlin (RBB), eine deutsch-deutsche Familiengeschichte in einem „Tatort“ zu zelebrieren. Und siehe da, zum Jubiläum gelingt tatsächlich ein großer Wurf. Christoph Darnstädt (Buch) und Lena Knauss (Regie) sei Dank. Denn sie lassen uns all die Widersprüchlichkeiten, Machtkämpfe und Generationenkonflikte ganz unprätentiös fühlen, die nach der Wende viele wiedervereinigte Familien zerreißen ließ.

Im Zentrum ihres Mordfalls steht der Bauunternehmer Klaus Keller (Rolf Becker), der just an seinem 90. Geburtstag erschossen aufgefunden wird. Um seinen Hals hängt ein Schild mit den Worten: „Ich war zu feige, für Deutschland zu kämpfen“. Ein rechtsradikaler Mordanschlag?

Die Kommissare Rubin und Karow (Meret Becker, Mark Waschke) schließen das nicht aus, stoßen aber auf viele weitere Ungereimtheiten in der Familie. Kellers Sohn Michael (Stefan Kurt) will die Baufirma endgültig übernehmen, sein Enkel Moritz (Leonard Scheicher) treibt sein Unwesen im linksalternativen Milieu.

Und da ist noch das Rätsel um ein verschwundenes Foto, das Klaus Keller mit seinem Bruder Gert zeigt – als Hitlerjungen im April 1945. Ging der Mord etwa auf die alte Feindschaft der Brüder zurück, die selbst nach dem Mauerfall und bis heute nicht zueinander finden konnten?

Was für ein Familiendrama in nur 90 Minuten! Alle Achtung! Dazu stellen Darnstädt und Knauss mit ihrem „Tatort“ auch noch die richtigen Fragen. Sowohl an die Vergangenheit, als auch an die Gegenwart. Denn der Zwist zwischen den Brüdern steht symbolisch für die Gewissensfragen der Deutschen seit 75 Jahren. Nach Schuld und Sühne, nach Verdrängung und Vergebung, nach Verlierer und Gewinner.

Da ist kaum Platz für coole Sprüche und halbseidene Gags unserer Berliner Anarcho-Bullen. Im Gegenteil. Becker und Waschke brillieren diesmal mit Nüchternheit und Raffinesse, statt mit Rage und Bauchgefühl. Das ist sehr sehenswert. Und sehr angemessen – in dieser Schlacht der Generationen.

Sonntag, 20.15 Uhr, ARD