Einmal Walhalla und zurück

Zum „Polizeiruf: 110" aus München vom Sonntag, 08.12.2019: "Die Lüge, die wir Zukunft nennen"

08.12.2019, 20:15 Uhr

Oberkommissarin Elisabeth „Bessie“ Eyckhoff (Verena Altenberger) steht vor einem Gewissenskonflikt: Verrät sie ihre korrupten Kollegen an den internen Untersuchungsausschuss oder hält sie still? (Foto: BR)

Schon das Debüt von Oberkommissarin Elisabeth „Bessie“ Eyckhoff (Verena Altenberger) im September hatte es in sich. Denn „Der Ort, von dem die Wolken kommen“ zelebrierte nicht nur die düstere Geschichte eines traumatisierten Jungen, der jahrelang in einem Loch gefangen gehalten wurde, sondern auch eine exzentrische Bildsprache voll grausiger Schatten und spukhafter Allegorien.

Regie-Magier Dominik Graf geht nun noch einen Schritt weiter und hetzt Bessie in ihrem zweiten Fall durch einen wahren Sturm aus verzerrten und zerschnippelten Bildern. Und als würde er damit nicht schon genug die Film-Realität ins Absurde treiben, lässt er seine Protagonisten auch noch in ihrem Ur-Bayerisch ratschen, dass uns tatsächlich Hören und Sehen vergeht. Aber warum?

Nun, verrückt genug, sie ins künstlerische Koma zu versetzen, ist die Geschichte allemal (Buch: Günter Schütter). Bessies Polizei-Truppe soll nämlich eine Münchner Firma überwachen, die im Verdacht steht, an der Börse illegalen Insiderhandel zu betreiben. Und prompt wollen die Beamten dabei selbst ihr Walhalla finden und abkassieren. Als dann aber die Sache ordentlich schiefgeht und den Gesetzeshütern der Totalverlust ihres Geldes droht, wird aus der Harmonie im Team schnell ein tödlicher Existenzkampf …

Einmal mehr erweist sich ein „Polizeiruf“ als Labor für Experimental-TV. Krimi-Muster? Sehgewohnheiten? Innere Logik? Fehlanzeige! Manch einer dürfte sogar Mühe haben, der schrill illuminierten Tragödie überhaupt zu folgen.

Andererseits, wer sich einmal auf die irre Ästhetik des Dominik Graf einlässt, belohnt sich womöglich mit einem neuen Kunstgenuss: der Tele-Osmose. Also der Aufnahme eines Krimis durch Haut und Sinne, statt über Augen und Ohren. So kann, wer nichts kapiert – von den Bildern, von den Figuren, vom Dialekt oder von der ganzen verdammten Story – dennoch selig werden. Dann wird das scheinbar sinnlose Rauschen im Fernseher doch noch – zum Rausch der Sinne. Gott Graf sei Dank!

Sonntag, 20.15 Uhr, ARD