Blindgänger statt Krimi-Bombe

Zum „Tatort" aus Stuttgart vom Sonntag, 24.05.2020: "Du allein“

24.05.2020, 20:15 Uhr

Opfer Nr. 2 - ein junger Jogger! Noch haben Kommissare Thorsten Lannert und Sebastian Bootz (Richy Müller, Felix Klare keinen Schimmer, wer der Heckenschütze ist, der Stuttgart unsicher macht. (Foto: SWR)

Das klingt doch total spannend: In der Stuttgarter City treibt ein Heckenschütze sein Unwesen. Scheinbar wahllos knallt er Leute ab. Erst eine Frau, dann einen jungen Mann.

Zum Spaß schickt er vorher „an die Ermittler“ ein Briefchen, in dem nichts weiter steht, als eine Nummer. Wie eine Ankündigung – erst „1“, dann „2“, dann „3“. So, wie auf den Patronenhülsen, die später an den Tatorten gefunden werden. Was für ein perverses Spiel!

Wer nun aber erwartet, dass die Kommissare Lannert und Bootz schwer ins Rotieren kommen (Richy Müller, Felix Klare), dass Hundertschaften der Polizei die Innenstadt sichern und Hubschrauber über den Dächern kreisen, dass also endlich mal etwas Leben in die Stuttgarter „Tatort“-Bude kommt, der guckt ziemlich bald ziemlich dumm in die Röhre.

Keine Wackelbilder von der Handkamera, keine rasanten Schnitte – keine Action! Stattdessen: Öde Befragungen, hilfloses Stochern in den Archiven, gereizte Stimmung.

Natürlich hat das alles seinen Grund. Für uns Zuschauer: Weil die Staatssekretärin für Inneres allen einen Maulkorb verpasst, damit keine Panik in der Stadt aufkommt. Von Seiten des Filmteams: Weil Wolfgang Stauch (Buch) und Friederike Jehn (Regie) ganz tief in den wunden Seelen der Protagonisten schürfen wollen, so dass kein Platz ist für billiges Spektakel. Und weil das Stuttgarter Team erneut ausgebremst wird, in der irrigen Annahme, dass in Zeitlupe die emotionale Wucht von Müller und Klare besser zur Geltung kommt.

Falsch gedacht! Trotz Heckenschützen-Steilvorlage und feiner Besetzung (u.a. Katja Bürkle, Karl Markovics, zum letzten Mal: Carolina Vera) ist dieser „Tatort“ zum Gähnen. Getreu dem Motto: „Warum einfach, wenn’s umständlich geht“.

Also noch ein Indizienschnipsel, noch eine Psycho-Pirouette, noch ein Schlag ins Wasser bei den Ermittlungen. Und auf der Zielgeraden mutiert dieser Langweiler auch noch zum Moral-Appell in Sachen Empathie und Zivilcourage. Aber das ist – nicht einmal mehr ein Trostpflaster. Aua!

Sonntag, 20.15 Uhr, ARD