Zu Hause in Sevilla

Brandenburg und Berlin präsentieren sich auf der EXPO 92

„Das darf doch nicht wahr sein, jetzt hat mir hier einer tatsächlich so’n Druckstock geklaut.“ – Angelika Thielemann schlägt die Hände in die Hüften, bereit, dem hundsgemeinen Dieb an die Gurgel zu springen. Rund 500 Mark sind futsch.

Ich versuche sie zu trösten und mache ihr klar, dass dieser Spitzbube wahrscheinlich so begeistert war von ihren Blaudrucken, das er nicht anders konnte, als zuschlagen. Aufmunternd lächle ich ihr in die großen – und natürlich blauen – Augen. „Irgendwann wird sich der Kerl schon melden, denn ohne Sie kann er mit dem Ding ja doch nichts anfangen. Und schon haben Sie einen festen Draht nach Spanien.“

So richtig lachen kann die gute Frau Thielemann nicht über meine Flaxerei. Aufgebracht rauscht sie in ihrem blaubedruckten Kleid zu ihren blaubedruckten Stoffen und wird eins mit all ihren blaubedruckten Tüchern, Kleidern, Blusen, Decken. In ihrem Kummer zupft sie hier eine Tuchecke gerade, streicht sie da über eine Falte und richtet überhaupt ihre Kollektion genau dort wieder her, wo es weder etwas zu richten, noch zu zupfen, noch glattzustreichen gibt.

Dann ist es vorbei. Angelika Thielemann lacht in die sengende Sonne über Spanien. Die EXPO 92 hat sie wieder.

Hoch hinaus über die 92er Weltausstellung, drapiert ans Ende der Avenida de Europa, reckt sich ein 55 Meter langer Metallstift und hat nichts anderes zu tun, als Deutschlands Pavillongelände vor der andalusischen Glut mit einer Hyper-Ellipse abzuschirmen. Das fußballfeldgroße Ding hängt eher lässig in den Drahtseilen dieses Mastes; ein deutsches Wunderwerk der Architektur mit dem alleinigen Zweck, Schatten zu spenden. Ein Sonnenschirm für schlappe drei Millionen.

„Offenheit und Transparenz“, so umreißt der Generalkommissar des 60 Millionen schweren deutschen EXPO-Beitrages, Hans-Gerd Neglein, das Motto des Alemania-Pavillons. Und verspricht damit keineswegs zu viel. Denn im Unterschied zu den Protzklötzen der Franzosen und Amerikaner ist es hier für die Besucher viel einfacher, überhaupt in den Pavillon zu gelangen. Wenn sich anderswo endlose Schlangen vor dem Eingang bilden, die Gäste auf diese Weise zu bußfertigen Tempelgängern degradierend, dann fragen mitten im deutschen Gewölbe die Besucher: „Wo ist denn hier der Eingang?“ Ein wenig triumpfierend bleibt es dann einer der 70 Hostessen vorbehalten zu erwidern: „Sie sind bereits drin in unserem Ausstellungskomplex. Sehen Sie da, an den Resten der Berliner Mauer, da hatten Sie schon den Eingang passiert.“

In den Boden versinken, nicht einmal symbolisch, wie eben jene steinernen Brocken, braucht der neugierige Besucher deswegen nicht. Und eigentlich hat er auch keine Zeit dazu, denn von nun an sollte er sich ans Staunen machen: Deutsche-Land, schönes Land?

Hm, Frankfurter Skyline aus Pappmaché, ein Dorf im Norddeutschen; ein überdimensionales Steh-auf-Bilderbuch der Geschichte, ein Stück Nachbau vom Zeppelin in Originalgröße. Licht und Schatten, effektvolle Farbenspielereien, Glaswände, Spiegelwände, Video- und Leinwände

Heraus schält sich aus dem wirren Kunterbunt ein recht ansehnliches Bild, neuen deutschen Zeitgeistes, getragen von einer ungewöhnlichen Lockerheit. Na bitte. Statt krachlederner Germanoia, frivole Koketterie mit den eigenen Macken. Statt technologischer Präzisionsduselei ein unverkennbarer Hang zur Selbstironie.

Da wird deutsches Ordnungswesen mit einem Dickicht aus Verkehrsschildern ad absurdum geführt, hat man Spaß an den Tölpeleien der Deutschen in Filmsequenzen aus „Deutschland privat“ (einem Filmsammelsurium übrigens, das nicht von ungefähr mit seinem Titel an Robert van Ackerens gleichnamige Teutonen-Persiflage erinnert); und Schlag 15 Uhr können sich Kinder auf die Suche nach Deutschlands beliebtestem Spielzeug machen: Na, wo sind die 20 Gartenzwerge zwischen den Ausstellungsstücken versteckt, hä? Unter dem Fernrohr? In der Pseudo-Bibliothek? Zwischen den Gutenbergs und Einsteins aus Pappe und Pastell?

Schließlich ist es eine riesige deutsche Eiche, die „im Kampf“ mit „saurem Regen“ und „Auspuffgasen“ nicht nur ihr eigenes Leben rettet, sondern auch das allgemeine Ambiente der deutschen Sevilla-Präsentation auf den Punkt bringt: Nichts ist den Deutschen heuer so heilig, dass man darüber nicht auch schmunzeln könnte. Eine wohltuende Erfahrung, auch wenn draußen, vor dem gläsernen Vorhang des Pavillons, die Spanier kiloweise Schweinehaxen, Weißwurst und Sauerkraut in sich hineinmampfen.

Die inhaltliche Konzeption unter dem Schlachtruf „Visionen“ stimmt, und die Trias „Mensch-Natur-Technik“ hört sich elender an, als sie sich live offenbart.

Um 14.55 Uhr ist es an diesem 1. Juli soweit: Auf Kommando erheben sich Brandenburgs Staatskanzleichef Linde und seine Gäste. Alles schnappt nach Luft. In der VIP-Etage in luftiger Höhe überm deutschen Pavillon herrschen an die dreißig Grad – im Schatten.

Kein Grund für Generalkommissar Hans-Gerd Neglein, auch nur einen Moment in seinen Deklamationen innezuhalten. Allein der Verweis auf die vergleichsweise niedrigen Restaurantpreise im deutschen Pavillon lässt ihn die offizielle Kunstpause überbrücken. Dann sind wieder höhere Summen im Spiel: Zehn Millionen Mark würden von den Ländern berappt, um sich auf der EXPO wochenweise zu präsentieren. Brandenburg, so die entsprechende Erwiderung des entsprechenden Vertreters, käme da mit 300 000 Märkern noch recht billig davon, weil eben Berlin und sogar NRW mitmischten. Ein Betrag, der die Brandenburger letztlich versöhnte, denn im Vorfeld hatte es nicht nur in der Staatskanzlei Überlegungen gegeben, ob man überhaupt in Sevilla dabei sein müsste. Das liebe Geld sei doch besser anzulegen.

Die nächsten Zahlen über den Wein hinweg lauten sieben Millionen und 13 Millionen, solcherart süffig den DM-Beitrag privater Sponsoren für den deutschen Pavillon und die bisherige Besucherzahl seit der EXPO-Eröffnung im April markierend.

Für Neglein eher harmlose Sümmchen. Noch bis 1991 jonglierte er als Leiter des Zentralbereiches Vertrieb und Vorstandsmitglied der Siemens AG sicher mit ein paar Nullen mehr vor dem Komma. Nicht zuletzt eine jener Tugenden, die ihm wohl den Posten des „Generalkommissars für die deutsche Beteiligung an der EXPO 92 Sevilla“ einbrachte. Dass neben dem Alemania-Pavillon gleich der Siemens-Pavillon zu finden ist, mag daher nicht ganz als Zufall gelten – eins ging sicher nicht ohne das andere. Alte Liebe rostet eben nicht.

Während oben die Herrschaften sich mit einer kühlen Nachspeise auf die Eröffnung der Länderwochen vorbereiten, schwitzen unten am Eingang die Besucher vor einem recht sonderbaren Gebilde. „Columna – Timpo“, „Zeitsäule“, nennt sich jenes Kellerregal aus Berliner Mauer-Bruchstücken und Eisendrähten, Etage für Etage säuberlich aufgereiht als dokumentierte Reverenz an den Antistalinismus zu DDR-Zeiten.

Die Berliner Norbert Stück und Raffael Rheinsberg wollen mit dem Acht-Meter-Batzen deutsche Geschichte assoziativ aufarbeiten. Ein Glückspilz, wer obendrein darin die Aufforderung erkennt, „die weiterhin noch in den Köpfen existierenden Mauern abzubauen“ (Kurator Christoph Tannert). Sonst bliebe dem Betrachter nämlich kaum mehr übrig, als das hehre Kunstbollwerk als intelligent aufbereiteten Schrott-Haufen zu definieren.

Zumindest ergeht es vielleicht den Spaniern und all denen so, die in der Mauer-Historie nicht allzu sattelfest sind. Lernen am Objekt heißt es aber für sie, wenn morgen, zum Abschluss der Länderwochen Berlin-Brandenburg, Stein für Stein verkauft wird. Spätestens dann sollte sie die Botschaft von Stück/Rheinsberg erreichen – aus den Mauersteinen werden Denksteine. So einfach lassen sich Feindbilder entsorgen.

Noch heißer als vor dem Eingang des Deutschen Pavillons ist es nur noch bei Zinngießer Werner Busch, der ebenso wie Blaudruckerin Angelika Thielemann, Korbflechter Siegfried Block, Eiermalerin Doreen Schöner oder wie die Clowns Eddie & Locci zur Brandenburg-Mannschaft in Svilla gehört. Staatskanzleichef Linde begrüßt den Kunsthandwerker mit Handschlag. Wie Ministerpräsident Manfred Stolpe, weiß auch er die präsentgewordenen Gießereien aus der Werkstatt Busch zu schätzen. Denn daheim in Potsdam, bei den Empfängen und Festivitäten der Landesregierung, werden seit Generationen Delegationen aus dem In- und Ausland reichlich mit Landestellern und Zinn-„Fritzen“ aus der Dallgower Gießerei versorgt. Der Mensch freut sich.

Busch drückt mir neben einer Zinn-Eule noch ein Fläschchen Falkenthaler in die Hand. „Danke fürs Schwätzchen, danke fürs Schnäpschen.“

Nur Joachim Wendel von der Brandenburger Projektleitung weiß mit der spanischen Hitze nichts anzufangen. Schwer und feucht klebt ihm das lange blonde Haar im Nacken.

Trotzdem kniet er sich weiter in die Arbeit, schließlich war die Organisation der Volkskünstler nach Sevilla erst der Anfang des Jobs. Nun heißt es Sorgen, dass sie auch gebührend beachtet werden. Während er sich müht, ein Plakat mit Werbesprüchen auf Spanisch anzupinseln, macht er sich seinem Ärger Luft: „So richtig zum Zuge kommen auch wir Brandenburger nicht. Die spanischen EXPO-Chefs haben nämlich untersagt, nach 22 Uhr an den Pavillons irgendetwas zu veranstalten.“

Richtig fies, denke ich: Die Pavillons machen 22 Uhr dicht, die EXPO aber ist bis vier Uhr morgens geöffnet. Den EXPO-Chefs ging es wohl darum, das Veranstaltungsmonopol für diese sechs Leerstunden meistbietend zu veräußern. Heraus kam der „Sony Plaza“, eine gigantische Rock- und Popbühne für etwa 50.000 Zuschauer.

„Dagegen sind wir natürlich machtlos“, stöhnt Wendel. „Aber nett haben wir’s hier allemal. Sieh dir doch mal in Ruhe unsere Schaukästen an. Ganz wichtig die Dinger. Die sind nicht im Pavillon, da kann man sich auch nach 22 Uhr ´n Happen Brandenburg reinziehen“.

In der Tat gleiten die Guckkästen etwas ins Skurrile ab. Aber immerhin bekommt der Fremde einen originären Eindruck von einem Stück echt brandenburgischer Braunkohle, einer echt märkischen Kiefer, im echt märkischen Sand, ja, und auch das echte Stück Spreewaldkahn scheint genau von der Art, den spanischen und internationalen Besuchern in Sachen Brandenburg auf die Sprünge zu helfen. Die paar Kleckse Heimat können jetzt eigentlich nur noch mit Ketchup-Flaschen aus Werder und Gurkengläsern aus Lübbenau komplettiert werden. Und das werden sie auch.

Noch eins will Joachim Wendel unbedingt loswerden: „Weißt Du, die anderen Bundesländer waren in Sevilla nur vier, höchstens sechs Tage. Da wir hier mit Berlin aber zusammen auftreten, kommt für uns die doppelte Zeit raus. Zwölf Tage. Ist das nicht toll?“

Das ist toll!

„Und alles für `n paar Hunderttausend Mark, nicht wie die Bayern, die natürlich zwei Millionen reingeballert haben. Das ist doch überhaupt der Witz unserer EXPO-Show, oder?“

Wendel und seine märkischen Künstler-Barden leisten ganze Arbeit. Erst jetzt begreife ich, wo Staatskanzleichef Linde eigentlich sagte: „Unser deutsches Vaterland präsentiert sich wirklich fabelhaft“: nicht in der VIP-Etage und auch nicht am spiegelverwirrten Brandenburger Tor im Eingang des alldeutschen Pavillons, sondern genau da, wo Angelika Thielemann ihre blaubedruckten Tücher aus der Brandenburger Steinstraße 21 präsentiert.

Eben, zu Hause – in Sevilla


(Märkische Allgemeine vom 06.06.1992)

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