Mythos Titanic

Maritimer Grusel. Etagenweise. Im Sog des gesunkenen Luxusliners durch Hamburgs Speicherhallen, Mai 1997

Das Meer. Das Schiff. Der Stahl. Der Dampf. Der Rauch. Das Holz. Das Öl. Das Tuch. Die Kraft. Das Licht. Der Glanz. Das Band.
BLAU.

Das Glück. Die Luft. „Sir, Up!“ „Sir, Please!“ Das Geld. Der Schmuck. Das Gold.
WEISS.

Der Mief. „Come Down!“ „Wait here!“ Der Sack. Das Brot.
GRAU.

Die Nacht. Das Eis. Der Berg. Der Knall. Der Riß. „What now?“ „How noon?“ Die Glut. Der Krach. Das Blut.
ROT.

Die Angst. Die Hast. “Help me!” Die Flucht. Der Sprung. Der Sturz. Das Boot. Das Seil. Der Ring. Die See.
GRÜN.

Der Sog. Das Nichts. Der Tod.
SCHWARZ.

2.207 minus 1.495 = 712.

 

Es geht nicht um Erklärungen. Es geht um Gefühle. Den Untergang der Titanic kann sowieso kein Mensch erklären, also her mit den Emotionen. Selten vermochte eine Ausstellung den Besucher so in Mysterien zu hüllen, dass ihm der Eindruck erwächst: „Ich war dabei! Ich hab‘s gesehen! Ich hab‘ es gespürt!“

Ein Prickeln.

Hamburgs Speicherstadt, ideales, feucht umspültes Terrain, bietet einen extravaganten maritimen Grusel. Etagenweise. „ExpeditionTitanic“ steht auf dem Programm und nie konnte ein Titel nüchterner und verheißungsvoller zugleich sein. Denn im Zentrum steht nicht Weltgeschichte schlechthin, sondern der geistige Brückenschlag zu einem Ereignis, das wir nicht erahnen, kaum fassen, nie verstehen können. Im Zentrum dieser Schau steht – die Angst, der wohlige Schauer beim Stöbern in einem einsamen Massengrab.

Die Psychologie definiert Angst mit einem Fehl an Informationen: Ich weiß nicht, was mich in diesem dunklen Wald erwartet. Ich weiß nicht, welche Frage der Prüfer mir stellt. Ich weiß nicht, ob ich die 200 Meter bis zum Ufer schaffe. Das macht Angst.

Nun, Informationen bietet die Titanic-Ausstellung en masse. Und trotzdem, nein, gerade deshalb wird der Gang durch die Speicherhallen zu einem Geistertrip.

Schon in der ebenerdigen Ein- und Ausgangshalle lagern unheimliche Gestalten. Grabschänder? Sie flüstern, rätseln und hüllen sich in ein falsches, wissendes Lächeln. Ihr Revier – Pier 4, ein im Louis-Seize-Stil dekoriertes Restaurant. Typisch 1. Klasse. White Star Line.

Eine fast religiöse Aura weht von dort den Neuankömmlingen entgegen, durchblitzt von Laserstrahlen und Dia-Fragmenten des 60.000-Tonnen-Dampfers. Die Schau-Lustigen drängen sich wartend am buggewordenen Ticketschalter. Scheele Blicke zum Pier 4. Was wissen die da drüben? Kennen sie etwa die Wahrheit?

Schon geht es an Bord, Speicherhalle, 1. Stock, Raum 3. Gedämpftes Licht, Spots auf Namen und Gesichter und Briefe und Krakel aus einer fremden, fernen Zeit. Frohe Kunde von „der schönsten Reise, die Du Dir vorstellen kannst“. Eine Passagierliste lädt zum Blättern ein. Finger gleiten über die Namen von Toten.

Nichts ist so spannend wie – Geschichte. Doch konkret muss sie sein. In Gestalt von rührenden Schicksalen, klangvollen Namen, greifbaren Tatsachen. Klebt da nicht Blut an diesem Stoff? Sind da nicht Tränen auf dem Papier? Klingt diese Stimme nicht wie aus dem Jenseits?

Weiter geht es, vorbei an Kohlenbergen und hämmernden Dampfmaschinen als sinnfällige Referenz an den Wirtschaftsaufschwung zu Beginn des Jahrhunderts. Hochmut der Technik gegenüber der Natur. Hunderte Schiffsmodelle schärfen den Blick für die Errungenschaften der Transatlantik-Schifffahrt.

Dann wird es dunkel in den Gängen – die Realität „Titanic“ biegt sich in ihrer ganzen Pracht dem Neugierigen entgegen. Ein Ungetüm von der luxuriösen Leichtigkeit eines Zeppelins. Schnell, elegant, unsinkbar, versteht sich. Hinein wälzt sich der Besucherpulk in modellierte Suiten der ersten Klasse und enge Viermann-Kabuffs der dritten. Artefakte aus 3.800 Meter Tiefe vermitteln Lebensart an Bord: Kleider, Schuhe, Strümpfe, Löffel, Schalen, Brillen, Uhren, Ketten, Karten, Bücher, Briefe, Kämme, Spiegel, Bürsten, Dosen – allesamt halb vergammelt. Und doch schimmernd in ihrer Patina. In einem Extraraum, versenkt im Salzwasseraquarium, die Klarinette, Synonym für die legendäre Bordkapelle, von der bis heute nicht sicher ist, ob sie zum Schluss nun jenes wehmütige „Song d‘Automne“ spielte oder doch „Nearer, my God, to Thee“, wie bislang vermutet.

Und überall Wasser. Das Urelement. Auf Fotografien, auf Gemälden, in Gläsern und Bottichen, Becken und Flaschen, als rauschende Kulisse aus dem Off, als kalte Dia-Leinwand aus Eis, als dampfender Nebel in den Gängen. Es ist schwül und kalt zugleich. Eine bühnenreife Inszenierung.

„Raum 8. Die Dramaturgie des Untergangs“. Hier bleibt nichts dem Zufall überlassen. Sphärische Musik, fahles Licht, Informationstafeln. Eine geneigte Ebene, auf der die Besuchermenge Titanic-gleich abwärts driftet, zwingt zur Körperbalance. Die Gespräche verstummen. Das Grauen nimmt seinen Lauf. Im Kopf.

Minute für Minute jenes 15. Aprils 1912 wird mit leidenschaftslosen Fakten dokumentiert. 23.40 Uhr lautet die Uhrzeit, zu der die Weltgeschichte eine jähe Wende nimmt. Die Eissplitter auf Deck, Vorboten des unausweichlichen Untergangs des Superdampfers – sie werden Sterntaler einer neuen Wirtschaftsrevolution. Von dieser Stunde an gibt es ein Davor und ein Danach in der Schifffahrtsindustrie, in der Nautik, in der Wetterkunde, in der Telegraphie und – im Versicherungswesen.

Auf der Titanic haben Mannschaft und Passagiere natürlich keine Ahnung von der hohen Stunde. Keine Ahnung, dass zwei Drittel von ihnen in weniger als drei Stunden jämmerlich versaufen würde. Keine Ahnung, dass die lange Kette sicherheitstechnischer Vorbeugungen in dieser Minute reißt. Keine Ahnung, dass sie unfreiwillig Zeugen eines verdammten und niemals für möglich gehaltenen Wunders werden.

Der Jahrhundertknall, für die wenigsten hörbar, kostet zunächst nur einem Bäckerburschen ein Blech mit frischen Plätzchen, das genau dann zu Boden geht, als der Eisberg die Titanic schlingern lässt. Schon sehr bald wird das Scheppern an Bord ein wenig lauter, und auch die umherfliegenden Bleche geraten immer größer. Es ist Zeit, Angst zu bekommen.

Um 2.20 Uhr ist alles vorbei. Die Titanic, neuerdings in zwei Hälften geborsten, nimmt letzten Kurs. Minus 60 Grad bis etwa 4.000 Meter unter N.N.

Die Phantasie der Ausstellungsbesucher treibt wilde Blüten. Jeder dreht seinen eigenen Horror-Film. Die Erschütterung ist echt. Männer setzen sich, Frauen gehen noch einmal zurück. Sie können immer noch nicht glauben.

Was folgt, ist ein völlig dunkler Raum, in dem auf kleinen Lichtkästen Reliquien der Opfer zelebriert werden. Ohne Namen, ohne Identität – der letzte Rest menschlichen Daseins. Alptraum und schaurige Pointe eines dramatischen ersten Ausstellungs-Aktes, bevor im Zentrum eines abschließenden Rondells die tatsächlich geborgene Schiffsglocke den „Mythos Titanic“ einläutet.

Der Weg über die Außentreppe hinab ins Erdgeschoss (hinab auf den Meeresboden?) verschafft Luft zum Durchatmen, denn schon tut sich der Vorhang auf für das zweite Kapitel der „Expedition“: „IFREMER, Minus 3.800“.

Es kostete die Veranstalter einigen Aufwand, die Aufmerksamkeit der Besucher aufs Neue zu fesseln. Allein, der Versuch, die Tiefsee-Suche und Entdeckung des Wracks erlebbar werden zu lassen, darf getrost als vollkommen gelungen apostrophiert werden. Dass neben schwerreichen Texanern und etlichen Forschertrupps auch jede Menge Spekulanten auf Titanic-Jagd gingen, mag den vermuteten Schätzen in den Tresoren an Bord geschuldet sein. Entdeckt haben sie schließlich 1985 der Franzose Jean-Louis Michel und der Amerikaner Robert Ballard. Das „Institut Francais de Recherche pour I’Exploitation de la MER (IFREMER) begann 1987 mit der ersten größeren Bergung. Gottlob, denn ohne diese ehrwürdige Einrichtung hätte die Ausstellung kein Leben, keinen Geist, keinen Sinn.

85 Jahre danach. Es geht nicht mehr um Erklärungen. Es geht nur noch um Gefühle.

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Expedition Titanic . Ausstellung in der Hamburger Speicherstadt, 08.05.1997 bis 30.09.1998 (verlängert zuerst bis 30. November 1997, dann bis März 1998, 1,6 Mio Besucher)

[Märkische Allgemeine, Beilage „Die Märkische“, 23. Mai 1997]

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