Liebesbrief an eine Tote

In der Nacht vom 4. zum 5. August vor 30 Jahren starb Marilyn Monroe unter mysteriösen Umständen

Dear Marilyn,

ich weiß, dass Du bis heute noch nicht fertig bist mit all den Briefen, den Liebesschwüren, den Einladungen, den Danksagungen und Glückwunschkarten, mit all den Darbietungen und Geschenken, die eine Dich anbetende Menschheit zelebrierte, um Dir, nur Dir allein zu huldigen.

Sie haben Deinen Körper gepriesen, Deine Haut mit pfiffigen Analogien bedacht. Völlig nutzlos, natürlich, denn nur wer Dich wirklich berühren durfte, hatte eine Ahnung, aus welchem Stoff Du geschaffen warst.

Sie trommelten die Formen und Maße Deiner Brüste ebenso tumb in ihre Schreibmaschinen und Fernschreiber wie die Länge Deiner Beine, die Eleganz Deiner Schenkel und die nie erfassbare Erotik jenes dunklen, weichen Geheimnisses dazwischen. Myriaden von Mannsbildern ergingen sich in herzzerreißenden Elogen über Dein Haar, Deine Lippen, Deine wundervollen Augen, ohne Dich je selbst gesehen, geschweige gekannt zu haben. Die wenigen, die vielleicht geahnt haben, wer Du wirklich bis – war es der gute alte Ben Lyon von der Century, Natascha Lytess (weißt Du noch, Deine Schauspiellehrerin von der Columbia?), Milton H. Greene, mit dem Du die „Monroe Production, Inc“ gegründet hast, oder waren es Deine Liebhaber, von Johnny Hyde, Jo DiMaggio, Arthur Miller bis hin zu den Kennedy-Brüdern – oh ja, diese wenigen, diese Privilegierten, sie hatten zumindest ein Recht, über Dich zu sprechen.

Aber haben sie Dich je verstanden? Hat auch nur einer ernst genommen, woher Du kamst, wie Du dachtest, wie Du in Deinem Innersten fühlst?

Nein. Du musstest so allein sterben, wie Du gelebt hast. Vor 30 Jahren.

Meine Liebe, weißt Du eigentlich, dass ich so lange auf dieser Welt bin, wie Du nun schon tot bist? Komisch nicht?

Warum lachst Du so? Gefällt Dir der Vergleich? Oh, ja richtig, Du bist ja auch nicht viel älter als ich jetzt. Zumindest für alle, die genau wie Du Jahrgang ´26 sind und in der Mehrzahl Großmütter und Großväter sein dürften. Doch, sicher sind da einige neidisch, in der Erinnerung nicht nur jung und frisch auszusehen wie Du.

Sieh Dir Sinatra an, oder Gina oder Shirley, oder – na, Du kennst sie ja selbst am besten, all die welken Starletts und matten Leinwandgladiatoren von einst, die heute gezwungen sind, mit ihrem Ruhm die Rente zu bestreiten.

„Lebe intensiv, liebe heftig, stirb jung!“, hat einmal Janis Joplin gesagt, als Du schon nicht mehr warst – Norma Jane Baker, kannst Du jetzt mit diesem Satz etwas anfangen? Gerade Du, die Du das Leben so geliebt hast, weil Du es Dir erkämpft hast?

Na schön, die gut Janis hat natürlich nicht das durchmachen müssen, was Du erlebt hast, sie hat nicht in elf verschiedenen Familien aufwachsen müssen, sie wurde nicht von Waisenhaus zu Waisenhaus verschickt, musste weder auf ihre Eltern verzichten, noch zu enge Schuhe oder geborgte Kleider tragen.

Sie erlebte auch nicht wie Du das Trauma einer Fehlgeburt, und schon gar nicht hatte Janis mit den Mächtigen der Politik was am Hut. Trotzdem ging es ihr elend, am Ende, und machte, verdammt noch mal, einfach ihren Satz war und starb jung, viel zu jung, wie Du.

Marilyn, Du hast einmal gesagt, Du findest Männer mit makellosen Zähnen nicht unbedingt attraktiv. Das war schon lustig. Überhaupt nicht ausstehen konntest Du aber solche „Samariter“, die ständig fürchteten, Dich zu beleidigen und daher nie ehrlich waren.

Ich weiß nicht, wenn Jane Russel Dir heute nachsagt, dass du so ungeheuer verletzlich warst, dass alle das Bedürfnis hatten, Dir zu helfen, ja, dass Du bei anderen, natürlich vor allem bei Männern – ob nun mit makellosen Zähnen oder nicht – regelrecht Beschützer-Instinkte wecken konntest, dann frage ich mich, warum dann kein Mensch bei Dir war in Deiner letzten Nacht.

Wieder lachst Du jetzt, und es ist schön wie Du und dass Du lachst. Keine Angst, ich nehm‘ das nicht persönlich, bist eben geblieben, wie Du warst. Natürlich weißt Du es besser. Nur wer alt genug war, Dein Vater zu sein, kam wirklich in Deine Nähe, der Rest der Männer wurde ja von eifersüchtigen und geifernden Frauen zurückgehalten, wie auf jenen Partys, wo sich kein Mann mit Dir unterhielt, aus Angst, nicht mehr ins eigene Ehebett, dafür aber in die Klatschspalten der Presse zu kommen.

Ja, selbst aus Deinem intimen Bekanntenkreis war in der Stunde Deines Todes keiner bei Dir. Weder Inez noch Bernice, keine Spur von Peter oder Dr. Greenson. Nicht einmal Pat, Deine Freundin. Aber was war mit Bobby und diesem geheimnisvollen Arzt, der Dir angeblich einen Tranquillizer zur Beruhigung injiziert hat?

Verdammt, was haben sie mit Dir gemacht an diesem Sonnabend, den 4. August 1962?

Du weißt ja, dass heute ein paar fixe Jungs – Brown und Barham beispielsweise – Material zusammengeschleppt haben, das eine Mord beweisen soll. Die Zeitungen – ich hoffe, Du liest immer noch so viel – sind voll davon: Verschwundene Telefonlisten und Gewebeproben, die Story mit den 90 Pillen Nembutal, die Du in einer Viertelstunde beim besten Willen nicht einnehmen konntest, naja, eben das ganze skurrile Zeugs, das es uns wirklich schwer macht, an Deinen Selbstmord zu glauben.

Wolltest Du, konntest Du oder durftest Du nicht mehr leben?

Marilyn, je mehr ich darüber nachlese, wie Du vielleicht gestorben bist, desto mehr grüble ich, wie es gewesen wäre, wenn Du noch leben würdest. So, wie Du gelebt hast, wie man Dich benutzt hat, wie Du Dich mit Deiner Krankheit herumgequält hast und schließlich in Sphären gelangt bist, wo Dein Name im selben Atemzug mit dem des Präsidenten oder des Justizministers der Vereinigten Staaten genannt wurde – Marilyn, sei ehrlich, wo hätte es hinführen sollen?

War es nicht Schicksal, dass Du es so weit gebracht hast? Ein Spiel ohne Grenzen mit nur einem Sieger, dem Tod?

Ich meine, Ikarus kam der Sonne auch zu nahe, ohne dass er es wollte.

Was mich übrigens sofort wieder auf Deinen Ex-Mann Arthur Miller bringt, der bei all seiner Genialität Dich doch nicht begreifen konnte – von wegen: „Neben Marilyn verblasste immer noch die Sonne“. Von welcher Sonne sprach denn dieser Narr? Sah er nicht die Wolken um Dich herum, die der eigentliche Grund Deiner vielzitierten Sonnen-Blässe waren?

Komm schon, altes Mädchen, Du wolltest doch mehr sein als die Jean Harlow der 50er, mehr als ein „prächtiger Arsch“ mit den Harlowschen Platinblon-Löckchen, nicht wahr?

Oh, verzeih bitte den „prächtigen Arsch“, ich zitiere ja nur einen Präsidenten, der genau das zu dem Schriftsteller Gene Schoor rief, als der Dich auf seiner kleinen Geburtstagsparty im Madison Square Garden erblickte. Tja, der liebe JFK war eben kein Kind von Traurigkeit und sah deshalb, wie fast alle anderen, wirklich nicht mehr in Dir als die Sex-Madonna mit schrecklich delikaten Wölbungen. Kein Wunder, dass er selbst während Eurer Liaison noch ein Dutzend Mäuschen zwischen Hollywood und Mafia vernaschte. „Vater der Nation“ – auch bei Dir nahm er das etwas zu wörtlich.

Ja, Du wolltest mehr, als nur ein paar armen Schluckern Freude bereiten, die eine Woche lang ihre Cents zusammenhielten, um Samstag ins Kino gehen zu können. Auch wenn Du am Beginn Deiner Karriere gesagt hast, Du wolltest genau deshalb zum Film, weil es Dir ähnlich wie diesen armen Teufeln ging, die oft eine „Weltreise“ vom Dorf in die Stadt unternahmen, um Dich zu sehen.

Weißt Du, was ich meine? Ich meine nicht Deine Verstrickungen in die Politik, in die Filmwirtschaft, Deine Tablettensucht am Ende oder Deine nie erfüllte Liebe, ich meine etwas ganz Elementares. Hast Du „Victim of Beauty“ gesehen? Lief letzte Woche sogar im deutschen Fernsehen. Da ging es auch um ein Model, das reichlich tragisch endete. Allie, gespielt von Jennifer Rubin, kann man zwar nicht mit Dir vergleichen – allein weil Traumfrauen heutzutage andere Parameter aufweisen müssen als zu Deiner Zeit – aber diese Allie kam irgendwann zu einer höchst erstaunlichen Erkenntnis: „Schönheit weckt das Böse im Menschen“. Meinst Du nicht auch, Marilyn?

Neid, Hass, Gier, Eifersucht, Arroganz, Skrupellosigkeit sind Eigenschaften, die mir in diesem Zusammenhang sofort einfallen. Eigenschaften, die von vielen Deiner Zeitgenossen nur deshalb kultiviert wurden, weil Du da warst. Diese Schicksalsgemeinschaft von Schönem und Bösem, war sie es, die Dich, beinahe automatisch, in den Abgrund trieb? Ist dieser Zusammenhang in einer Gesellschaft wie der unseren etwa gesetzmäßig, ganz ähnlich den Wort-Paaren „Gold und Mord“ oder „Drogen und Tod“?

Ach, ich lass‘ das besser, wirst mir sonst noch melancholisch, jetzt, wo eh alles vorbei ist. Marilyn, ich hoffe, Du bist nicht allzu böse, wenn ich noch einmal in Deiner Vergangenheit herumgepolkt habe. Mir war heut‘ so. Na, was willst Du auch von einem wie mir verlangen …

Entschuldige. Wer schreibt schon Briefe an eine Tote?

Sei gegrüßt und geküsst von mir

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