Durch und durch – durch

Was passierte am 10. November 1989 an der Grenze zwischen Potsdam und West-Berlin wirklich? Für Ex-„MV“-Reporter FRANK KOBER war der „Morgen danach“ so aufregend wie – ein Halmaspiel [MAZ Fr 02.10.2009]

Keiner hatte doch am 9. November 1989 ein Auge zugekriegt. Da fiel doch die Mauer. Da hatte sich doch Schabowski verplappert. Oder auch nicht. Jedenfalls machten plötzlich alle irgendwie rüber. Ku`damm, Siegessäule, Brandenburger Tor. Wer sollte, wer wollte das schon verpennen?

Ich.

Die Nacht der Nächte im Leben eines gelernten DDR-Journalisten, der wichtigste Tag im Kampf um ein paar Zugeständnisse in der Redaktion, um etwas mehr Toleranz und Lockerheit in der Berichterstattung, um ein paar Freiheiten und Wahrheiten im Windschatten von Gorbis Perestroika – ich hab ihn tatsächlich verpennt.

Weil ausgerechnet an diesem 9. November zwei „Robotron“-Computer herein gehievt wurden in die Redaktion. Vorboten des anstehenden Umsturzes in der „Märkischen Volksstimme“. Wenn auch nur eines technischen – vom Bleisatz zum Offsetdruck. Die Dinger, kantig, schwer und mit ulkigen Postkarten-Bildschirmen, sie hatten Tastaturen groß wie „Vermona“-Keyboards. Und irgendwer musste nun darauf spielen. Musste die Technik kennenlernen, musste testen und fummeln. Für die Kollegen. Und für die gute Sache, natürlich.

Die Wahl fiel auf mich. Oder hatte ich mich vorgedrängelt? Weil ich hoffte, so die geliebt-verfluchte „Erika“-Schreibmaschine als erster loszuwerden? Ich weiß es nicht mehr.

So oder so: Während ein paar Kilometer weiter die Glienicker Brücke gestürmt wurde, in Berlin die Bornholmer „fiel“ und die ersten Mauerspechte lospickelten, während also die Geschichte Europas – wie zuletzt nur nach dem Krieg – mal wieder in ein Davor und ein Danach zerfiel, las ich Bedienungsanleitungen, probierte Schalter aus und wurde nicht schlau aus den Geräuschen und Lämpchen dieses Tasten-Kastens aus Sömmerda.

Irgendwann hatte ich die Faxen dicke, fuhr nach Hause und haute mich aufs Ohr. Ohne jemanden zu treffen. Ohne jemanden zu sprechen. Und ohne nochmal Glotze oder Radio einzuschalten. Der 9. Novemder 1989 endete für mich, wie er begann – mit einem Gähnen und dem „Rainsong“ von Led Zeppelin aus meinem Stern-Rekorder. Ich werde es nie vergessen.

So begann die Wende für mich erst am 10. November 1989. Aber dafür verdammt früh. Schon um sechs klingelte und hämmerte es an meiner Wohnungstür in der Potsdamer Feuerbachstraße. Als stünde der Weihnachtsman davor. Oder war’s die Stasi, die in den vergangenen Wochen schon zwei Mal vorbeigeschaut hatte, um „nähere Auskünfte“ über jene „Bekannten“ von mir einzuholen, mit denen ich Musik machte, mit denen ich dubiose Muggen für dubiose Leute in dubiosen Potsdamer Hinterhöfen absolvierte und die jetzt allesamt über Ungarn abgehauen waren? Machten die Sicherheitsorgane jetzt ernst?

Nein, wer da versuchte, mich aus dem Bett zu treiben, war nur unser Haus-Fotograf Wolfgang, der ebenso atemlos wie spitzbübisch kommandierte: „Hab grad’n Anruf von Trommer bekommen. Los, Junge, mach dich fertig, wir fahr’n jetzt nach West-Berlin.“

Ich sagte: „So früh? Okay, gib mir fünf Minuten“.

„Haste gehört – West-Berlin? Ku’damm, Brandenburger Tor, verstehste?“

Irgend etwas musste passiert sein in der Nacht. Etwas Wichtiges. Etwas Historisches, was die Welt auf den Kopf stellte. Wie, zum Teufel, konnte uns sonst Chefredakteur Trommer in den Westen schicken?

Natürlich durfte ich Wolfgang nicht zeigen, dass ich das verpasst hatte. Also versuchte ich ruhig zu bleiben. Und als ich sah, dass auch er von der Nachricht überrascht worden war, übernahm ich kurzerhand die Initiative.

„Ich weiß Bescheid“, flunkerte ich, „und was sollen wir da machen, in West-Berlin?“

„Dreilinden. Grenzübergang. Da strömen die Massen jetzt rüber, und wir sollen uns mal ein bisschen umhören, wie die so drauf sind.“

Ich merkte, dass Wolfgang die Sache nicht geheuer war. Der alte Haudegen, der bislang noch mit jedem Problem und jeder Autorität fertig geworden war, er hatte offenkundig Bammel. Denn diesmal ging es nicht unter die Genossen, zu den SED-Bezirkschefs oder Helden der Arbeit, sondern unter die Ausreis(s)er. Zu den Anderen.

Und die rollten seit Stunden gen Westen. Vierspurig und mit allem, was Räder hatte.

„Sollen wir hier ruff?“ schnaufte Wolfgang wenig später, als wir uns auf der Babelsberger Ernst-Thälmann-Straße (heute: Großbeerenstraße) der Autobahnauffahrt näherten. Richtung Norden prangte unmissverständlich das Schild „Transit West-Berlin“. Das machte Wolfgang am Steuer nicht ruhiger.

Auch ich stutzte einen Moment, denn selbstverständlich war auch ich noch nie auf die Idee gekommen, hier in nördlicher Richtung, Richtung West-Berlin, auf die Autobahn zu fahren. Doch als uns ein P70 mit einem rasanten Schlenker überholte und ohne zu blinken die Auffahrt enterte, brüllte ich: „Los, hinterher!“

Es war gegen halb elf, als wir mit unserem „MV“-Wartburg zum Stehen kamen. Eingekeilt zwischen Hunderten qualmenden Papp- und Blechkisten. Vielleicht einen Kilometer vor dem Grenzübergang. Wie im schönsten Stau, 20 Jahre später auf der A 10 bei Brieselang.

Gott, wo kamen die bloß alle her? Und wo wollten die bloß alle hin? Die wollten doch nicht alle wirklich abhauen?

Um das rauszukriegen, waren wir hier. Doch die Zeit rannte uns davon. Wie es aussah, würden wir es bei diesem Schneckentempo nicht vor eins bis an die Grenze schaffen. Also überzeugte ich Wolfgang, auf dem Randstreifen an den wartenden Autos vorbei zu donnern. Was sollte schon passieren? Grenzer und Polizei hatten jetzt andere Sorgen, als sich um Verkehrsrowdys zu kümmern.

Punkt elf kurvten wir vor der Grenzanlage ein, und nachdem ich einem Oberleutnant erklärte, wer wir sind und was wir wollten, winkte er uns durch. Richtung Westen. Richtung Bundesgrenzschutz.

Was allein schon ein kleines Wunder für einen kleinen DDR-Bürger war. Am 10. November 1989. Aber dann sagte dieser Herr Genosse noch etwas Entscheidendes, etwas, was mich ahnen ließ, dass jetzt und heute Ungeheuerliches geschah. Der Oberleutnant sagte: „Machen Sie, was Sie für richtig halten! Nur, behindern Sie nicht den Verkehr!“

Kein Grinsen, kein Lachen. Es war sein voller Ernst.

„Machen Sie, was Sie für richtig halten“ – das hatte noch kein Uniformierter zu mir gesagt. Und es war wie eine Aufforderung, zuzupacken. Sich diese neue fremde Welt sofort und ohne Angst zu nehmen.

Auch wenn ich das erst später begriff: In diesem Moment hörte ich auf, DDR-Bürger zu sein. Ja, dieser kleine, überforderte Oberleutnant – immerhin der höchste Vertreter der Staatsgewalt, dem ich „am Morgen danach“ begegnen sollte – er hatte mir nichts Geringeres gegeben, als seinen Segen. Seine amtlich beglaubigte Erlaubnis, von nun an das zu tun und zu lassen, was ich wollte.

Ich war frei.

Irgendwie, jedenfalls. Okay, ich fühlte mich nicht unbedingt wie ein Gefangener, der soeben aus dem Knast entlassen wurde. Aber wohl doch ein kleines bisschen wie Robinson Crusoe, der endlich in die zivilisierte Welt findet.

Und ich sah, wie all die anderen, in ihren überfüllten und langsam herantuckernden Autos, das gleiche Gefühl ergriff. Wie die Unsicherheit, die Angst, ja, die Tollheit des Augenblicks sich verwandelte in eine unbändige Freude.

Das musste ich nicht nur auftragsgemäß festhalten, dieses Gefühl wollte ich teilen.

Also rannte ich hinüber zu den schleichenden Autos, die gerade ihre letzte Kontrolle Ost überstanden hatten. Hinüber zu den Leuten, die nur noch jubelten, grölten, schrien. Keiner konnte fassen, dass man hier unbehelligt durchkam. Durch und durch – durch. Dass der Wink eines Uniformierten alles sein sollte, was die Grenze an Gefahren von nun an bereithielt.

Und so entlud sich ihre ganze Erleichterung, ihr Glücksgefühl an mir. An mir, der ich im Niemandsland zwischen Ost und West auf sie zusteuerte – und keine Uniform trug. Der sich als „MV“-Reporter outete und versuchte, sachliche Fragen zu stellen.

Aber nicht lange. Schon hatte ich eine Sektpulle in der Hand. Schon wurde ich eingeladen, die Spandauer Zidadelle zu besuchen. Schon wurde ich halb in einen Lada gezerrt und von wildfremden Leuten umarmt: „Die Meckerstimme hier drüben? Jibt’s doch jarnich. Also, jetzt is wohl alles möchlich!“

Liebespärchen, Großfamilien, ganze Brigaden rollten vorbei und gaben die immer gleichen Antworten: „Nur ma kieken“, „Wir komm’ wieda“. Nach dem zwanzigsten Wagen war klar, dass es hier nicht um Weltpolitik ging, sondern um pure Neugier. Eine 28 Jahre alte Neugier.

So gab es hier für einen Reporter auch nichts zu fragen und zu diskutieren, sondern nur mitzufeiern oder zu verschwinden. Wie nach einer gewonnenen Fußballmeisterschaft, wo es nichts Dämlicheres gibt, als einen grölenden Spieler zu fragen, wie er sich fühlt – während ihm gerade ein Eimer Bier über die Rübe gekippt wird. Nein, das Einzige, was bei dieser Grenz-Party noch zu machen war, waren Fotos.

Verdammt, wo blieb Wolfgang?

Wolfgang hockte im Wartburg und hatte offenbar noch immer keine Traute, seine Kamera auszupacken. Hier, an dieser Grenzanlage, auf diesem Hochsicherheitsgelände, für dessen Ablichtung er gestern wahrscheinlich noch hinter Gitter gewandert wäre. Wie paralysiert starrte er auf die Massenbewegung gen Westen. Und erst als ich ihm die Kamera entreißen und selber abdrücken wollte, besann er sich, schraubte seinen massigen Körper hinter dem Lenkrad hervor und schüttelte sich. Jetzt war er wieder der Alte. Und wo immer ich mich nun hinwandte – hinter mir klickte und summte es.

Ein kurzer Stopp an der improvisierten „Wechselstube“, ein kurzer Schwatz mit zwei Beamten von der Bundesgrenzpolizei, dann waren wir „drüben“. Auftrag erfüllt. Es war Zeit, zurück zu fahren in die Redaktion. Im Kopf bastelte ich bereits an meiner Reportage.

Doch was hatte ich zu berichten? Von Heldentaten und Schockerlebnissen war genauso wenig zu sehen, wie von Liebeserklärungen an die DDR oder Treueschwüren an die Partei zu hören war. Gute Laune, Partystimmung – das war alles, was ich von der West-Front mitbrachte. Und ein paar lustige O-Töne.

Sah so eine Revolution aus, ein historischer Wendepunkt? War das etwa eine Herausforderung für einen ehrgeizigen Jungjournalisten? Alles lief so friedlich und unspektakulär ab.

Nicht, dass ich auf Kriegsberichterstattung aus war. Aber diese Sternstunde der DDR-Menschheit – sie war zumindest hier, am Potsdamer Grenzübergang Dreilinden, so aufregend wie ein Halmaspiel. Bunte Figuren zogen von einer Seite des Spielfelds auf die andere. Und irgendwann wieder zurück.

Nichts war zu spüren von der Dramatik dieser Tage, von den Demos, Verhaftungen, Bespitzelungen. Von den Ereignissen in Ungarn, in Prag, in Leipzig und Berlin. Nichts zu sehen von prügelnden Polizisten und sprungbereiten Stasi-Truppen. Kein Knistern in der Luft, kein Geschrei, keine Panik. Als wäre dieser Tag so normal wie jeder andere.

Erst stand man nach Wrangler-Jeans vorm Kaufhaus in der Klement-Gottwald-Straße an (heute: Brandenburger). Dann drängelte man sich bei Bruce Springsteen in der Wuhlheide oder bei Bob Dylan auf der Insel der Jugend. Und nun, am 10. November 1989, da wartete man eben zwei Stunden, um rüber in den Westen zu kommen.

War es so einfach? War es tatsächlich so einfach, Schluss zu machen mit dieser DDR, mit diesem System, mit diesen Verboten, ewigen Beschränkungen und verordneten Entbehrungen?

Es sah so aus.

Für Wolfgang und mich wurde es an diesem Tag aus ganz anderen Gründen noch einmal spannend. Wenige Kilometer hinter Dreilinden, auf der Avus, als wir wenden wollten an irgend einer Ausfahrt, als wir drei Kurven nahmen und ebenso viele Ampeln, da standen wir plötzlich mitten im Nichts.

Wir hatten uns verfahren.

Wie weiter? Wohin jetzt? Telefonieren? Aber wie – ohne Stadtplan, Handy, Navi? Nur eins war klar: Wir mussten zum Funkturm. Der stand ja wohl irgendwie an der Avus. Also fragten wir.

Die West-Berliner staunten nicht schlecht über uns. Ja, sie freuten sich wie Bolle über unser Auftauchen und schickten uns prompt – zum Fernsehturm. In den Osten. Wohin auch sonst, wenn ein Wartburg mit zwei hilflosen Ostlern wie uns vorbeizuckelte.

Ich war ernüchtert. Und frustriert. Denn nun waren wir noch weiter von Potsdam entfernt und mitfeiern konnte ich auch nicht.

Aber immerhin waren wir jetzt durch. Durch ganz West-Berlin. Und das am Tag 1 nach dem Mauerfall. Was für eine „Sensation“. Was für eine „Heldentat“ im Wendeherbst.

Naja, zumindest gab unsere Odysse eine hübsche Überschrift her: „Durch und durch – durch“. Das verstand zwar keiner und konnte sonstwas bedeuten. Aber wer verstand an diesem Tag schon irgendwas? Vielleicht konnte die Überschrift ja etwas von der Stimmung wiedergeben, die alle beherrschte? Ich hoffte es.

Zurück in der Redaktion, ging dann alles sehr schnell. Wolfgang verschwand im Fotolabor, ich malträtierte meine „Erika“. Kurz vor Redaktionsschluss waren wir fertig.

Großes Staunen bei den Chefs. „Mehr war da nicht los?“ „Und die wollen wirklich alle wiederkommen?“

Mein Bericht, zusammengestoppelt aus den Notizen, O-Tönen vom Diktiergerät und den kaum verdauten Erlebnissen, war der Chefredaktion natürlich viel zu nüchtern. Keine Botschaft. Keine Argumentation zur Verteidigung des gerade versinkenden Staates und seiner Führung. Was wollte man auch von einem Kulturedakteur erwarten?

Eigentlich hätte sich jetzt einer der Polit-Redakteure dran setzen müssen, um meinen Text „auf Linie“ zu bringen. So, wie es üblich war, wenn der Klassenstandpunkt nicht klar hervorgehoben war.

Aber nicht heute. Heute war nicht nur keine Zeit mehr dafür. Heute hatte auch keiner die geringste Lust, noch mehr zu ändern als sich ohnehin änderte. Nicht mal einen Text auf der Titelseite der „MV“.

Wenn das kein Zeichen war? Wenn das kein Anfang war in der „MV“? Ich konnte schreiben – wie ich es für richtig hielt.

Am Abend schnappte ich mir meine Freundin und fuhr mit ihr zum Ku’damm. Zwei Tage später waren wir in Bayern. Wir wurden zwar begafft und gefüttert wie im Zoo. Aber Bayern war uns nicht fremder als die Puszta oder das Pirin-Gebirge. Warum auch? Hier sprach man Deutsch. Sowas ähnliches, jedenfalls.

Es war die normalste Sache der Welt.

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