Affengeil!

Oder: Wenn schon Zoo, dann so - Leipzigs "Pongoland" feiert seinen ersten Geburtstag

(2003) Neulich in L.E. Neulich im Zoo. Neulich in Pongoland. Die Tropenhalle dampft, Schimpansen kreischen und rüstige Senioren mit Rucksack auf dem Rücken und Trinkflasche auf dem Bauch kämpfen mit ihren beschlagenen Brillen. Mittendrin, vor dem Fenster des Orang-Utan-Geheges, blockiert ein Trupp Erstklässler die Aussicht auf die herrlichen Herrentiere.

Wandertag. Aufgeregtes Tuscheln, tellergroße Augen. Entsetzen und Staunen über die Vorgänge direkt hinter der Glasscheibe. Die Lehrerinnen stehen abseits und fachsimpeln: „Dos doarf doch nisch wohr sein!“ Ein namenloser Schock hat ihre bio-pädagogischen Referate jäh gestoppt.

Punkt 7.15 Uhr war man aufgebrochen, aus Döbeln, hat die Bälger beisammen gehalten so gut es ging, hat Kekse und Zoo-Flyer verteilt und sich auch sonst vor knausrigen Eltern und entnervten Schaffnern zum Affen gemacht, nur, um die seit Wochen geplante Reise zur „größten Menschenaffenanlage der Welt“ zum echten Dschungelabenteuer zu trimmen.

Und nun das.

Orangmann „Bimbo“ hockt im Sand und begeistert das junge Volk mit einer subtilen Manipulation seines Geschlechtsteils. Klassische Handarbeit von der Art, deutsche Kinder bei der nächsten Pisa-Studie in die Spitzengruppe zu katapultieren. Denn was diese hier sehen und später von Lehrer Lämpel erklärt bekommen, steht nämlich erst im Lehrplan der Klasse 6.

So schafft der Zoo im Allgemeinen und das „Pongoland“ im Besonderen, was fünf Jahre Bimsen nicht leisten können: Wissensvorsprung durch Aufklärung am lebenden Objekt. Genau dazu ist ja wohl ein Zoo auch da.

Und was zu beweisen war, hat Orangmann „Bimbo“ nun mit seiner Wichsnummer ein für allemal geklärt: Nichts Menschliches ist den Affen in „Pongoland“ fremd. Ein gutes Zeichen. Die herbei getauschten oder gekauften Gorillas, Schimpansen, Orang Utan und Bonobos haben sich eingewöhnt, ihr Revier akzeptiert und fühlen sich pudelwohl. Ja, besser noch: affengeil.

Kein Wunder, dass die 30.000 m² große Anlage seit ihrer Eröffnung vor einem Jahr regelrecht gestürmt wird. Als Hauptattraktion der Leipziger Tierschau sorgte sie 2001 schließlich mit für einen Besucherrekord jenseits der 1,3 Millionen. Erhofft hatte man sich 900.000.

„Wir haben keine Kosten gescheut“ – das „Jurassic Park“-Konzept von Zoodirektion, Stadt Leipzig und Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie scheint aufzugehen. Denn die Affenherberge als Kombination aus naturnahem Lebensraum und wissenschaftlich relevantem Biotop für Pongidae macht seinem Namen alle Ehre.

So kommen Besucher wie Forscher gleichermaßen auf ihre Kosten. Während die einen auf dem Nebelpfad durch die Tropenhalle ein bißchen Sigourney Weaver spielen können (als Dian Fossey in „Gorillas im Nebel“), spielen die echten Goodalls und Pawlows in speziellen Beobachtungsräumen mit unseren Artverwandten seltsame Hütchenspiele oder stellen ihnen kleine Aufgaben. Etwa, welche Werkzeuge Schimpansen benutzen, um an eine Mango hinter einer Glasscheibe zu gelangen. Zur Auswahl stehen Stöckchen, Stein und Schlinge. Das ist putzig anzuschauen. Nicht nur für die Wissenschaftler, sondern für jeden Zoobesucher. Und es ist ein weiteres „Alleinstellungsmerkmal“ für das „Pongoland“ im weltweiten Vergleich.

Nirgendwo sonst kann der Primaten-Freak hautnah mit erleben, wie eine Waisengruppe von Schimpansen in menschlicher Obhut aufgezogen und während des Aufwachsens in ihrem Lernverhalten studiert wird. Die schwarzen Fellknäuel, von ihren Müttern schnöde im Stich gelassen, werden dabei nicht selten von ihren Betreuerinnen vor summenden Videocams und Fotoapparaten in den Schlaf gewiegt. Hoch oben auf einem Felsen, mitten im Dschungel, mitten in Leipzig. Man muss es gesehen haben. Zu süß ...

Dass da auch mal ein Waisenbaby unter den Händen der Ärzte wegstirbt, ist zwar tragisch, aber ebenso „natürlich“. Auch in der Wildnis haben Äffchen manchmal Lungenentzündung oder schwächeln am Herzen. Aber wie erklärt man das den Leipzigern, die den Tod des Schimpansenbabys „Mosi“ Ende November nach wie vor als „Selbstmord vor der Gefangenschaft“ oder „Wassergang“ im Stile einer Kristina Söderbaum ventilieren. Motto: Ein Gefängnis ist ein Gefängnis ist ein Gefängnis. Selbst wenn es aus Gold ist.

Den Menschenaffen in Leipzig geht es gut wie nirgendwo sonst in Gefangenschaft. Keine Frage. Zoo-Direx Dr. Junhold muss sich darüber keine grauen Haare mehr wachsen lassen. Vielmehr sollte ihn das – im Wortsinne – brüllende Elend der Amurtiger, Lippenbären und anderer Tatzentiere hinter den Gittern aus seeligen Pinkert-Gründer-Zeiten beschäftigen. Und das tut es auch.

Denn mit dem auf 15 Jahre angelegten Masterplan haben Zoo und Stadt Leipzig eine viel versprechende Perspektive aufgezeigt. Bis 2015 sollen neben „Pongoland“ und Löwensavanne „Makasi Simba“ ganze Kontinente im Zooformat neu entstehen: „Afrika“, „Asien“, „Südamerika“ samt Urwelt „Gondwanaland“. Zwar werden wir bis dahin über jede Menge Baustellen wie am neuen Lippenbärenhaus zu stolpern haben. Aber der Aufwand lohnt und beschämt die Skeptiker, die die Millionen etwa fürs „Pongoland“ immer noch als „Affenschande“ Leipziger Haushaltspolitik begreifen.

Derweil, und zu Ostern erst recht, können alle kleinen und großen Tierfreunde weiter auf Safari gehen und den absonderlichen Umstand untersuchen, dass Affen auch nur Menschen sind. Und umgekehrt.

add ins:

  • „Pongoland“ wurde am 2. April 2001 nach knapp zweijähriger Bauzeit eröffnet
  • „Pongo“ stammt aus dem angolanischen Sprachraum und ist die ethnologische Bezeichnung für die vier Menschenaffenarten Gorilla, Schimpanse, Orang Utan und Bonobo
  • „Pongoland“ ist Mitglied im Europäischen Erhaltungszuchtprogramm für Gorillas (EEP)
  • Pascha der Gorillas ist der Silberrückenmann „Gorgo“ (20) aus dem holländischen Arnheim. Von dort gelangte auch sein Lieblingsweibchen „N’diki“ (24) mit Sohn „N’kwango“ (5) ins Rosental. „Gorgos“ Leipziger Angetraute „Bébé“ und Tochter „Ruby“ sehen darin offenbar keine Konkurrenz. Im Gegenteil: In die Familie wurden noch zwei weitere Weibchen, „Viringika“ (6) und „Vizuri“ (6), aufgenommen.
  • Die riesigen Freianlagen bieten Menschen wie Affen gleichermaßen Abwechslung: Kletterbäume, -Felsen und -Seile für die einen – Safari-Simulator, Forschercamp und Zoo-Lotsen für die anderen. Was aber für wen bestimmt ist, lässt sich tatsächlich nur bei einem Besuch klären.
  • Öffnungszeiten: März: 9-17 Uhr, April: 9-18 Uhr, Mai bis September: 9-19 Uhr
  • Eintritt: Erw.: 7,50 € (erm. 5 €), Kinder (4-14 J.): 4 €, Zoo-Spartag: 1. Freitag im Monat (Eintritt 5,50 €)

Zurück