A Question Of Time

Der Potsdamer Szene-Tempel „Waschhaus“ boomt sich die Seele aus dem Leib (2000/2002)

Und wieder ist eine Schlacht geschlagen. Halb Sieben in der Früh wanken die letzte Gestalten vom Hof in der Potsdamer Schiffbauergasse. In ihren Augen glänzt nur noch das Weiße. Sie sind selig. Ein bisschen schlaff. Und ein bisschen besoffen. Okay – ein bisschen mehr besoffen. Um diese Zeit.

Schlachtfeld Waschhaus. Das sind drei verwüstete Floors und eine Halle, die es mit jeder Ecke der Love Parade locker aufnehmen können.

Game over.

Die letzten Helden dieses viel zu langen Sonnabends heißen Ivo, Anne, Anne – und Sandra. Die kleine Gastrochefin Sandra Erxleben hat auch heute Nacht die Nerven nicht verloren. Auch nach zweieinhalb Tausend Leuten nicht. Souverän erteilt sie Kommandos, schnappt sich selbst ein paar leere Flaschen und denkt an die Abrechnung, die ihr ein wenig von der Motivation gibt, auch am nächsten Wochenende hier wieder auf der Matte zu stehen.

In der „Russenhalle“ und den übrigen Dancefloors beginnt für die Technik-Crew derweil die dritte Schicht. Sie heißen „Fridi“, Chris, Kai, „Kuschel“ und „Palme“. Erste Schicht: 20 Stunden Aufbau für Sounds and Lights. Das meint: Pulte buckeln, Floorspots schleppen, Wände abhängen, Kabeln rollen. Leiter rauf, Leiter runter. Sicher fünfzig Mal pro Mann. Zweite Schicht: Acht Stunden Party. All inclusive: Lightcommander steuern, Sounds überwachen, Boxenchecks und Erste Hilfe, wenn irgendwo das Licht ausgeht, ein Bier in der Steckdose landet oder ein DJ seine dritte Nadel auf den Turntables zercratcht hat.

Nun, mit fast dreißig Stunden und einigen heftigen Cocktails intus, nun wird aufgeräumt. Schicht 1 – rückwärts. Da kann leicht der Sonntag drauf gehen. Versaut ist er sowieso. Nach so einer Show.

Dabei war es eine ganz normale 80er-Jahre-Disko unter dem allseits beliebten „Human League“-Schlachtruf „Don’t You Want Me“. Wie jeden dritten Samstag im Monat. Aus der Sicht des Publikums nichts Aufregendes. Ein paar Lampen von der Decke, Rex Pils vom Fass. Und zwischen Flirt und flotten Tänzchen eine oberkultige DJ-Armada, die die 80er von den Dexx sprudeln ließ, als ob Bono oder Phill Collins noch zur After-Show-Party vorbei schneien würden.

Raue Mengen „PM“-Pose-Muckel und „TF“-Tief-Flieger – diese oft tiefer gelegten Golf und BMW aus Potsdam-Mittelmark oder Teltow-Fläming – hatten zwischen Mitternacht und Eins noch einmal für ein paar Staus in der Schiffbauergasse gesorgt. Klar, dass da mächtig starke Halbstarke schon mal laut werden.

Eine Hupe nervt. Eine Flasche klirrt im Dunkel auf dem Gehweg. Und aus dem Fenster eines hochbeinigen „Cherokee“ wird lauthals und ordinär eine Horde quietschender Sekretärinnen angebaggert. Dann bringt ein versöhnliches „Schnauze, ihr Wichser“ die Stimmung der frisch geduschten Besucher auf den Punkt.

Alles Probleme von der Art, den Blutdruck von Security-Chef Stephan Merz von 80 auf 82, höchstens 83 schnellen zu lassen. Die Hektik vor der Party gehört einfach dazu.

Der athletische aber keineswegs bullige Doorman hat einen scharfen Blick für brenzlige Situationen und weiß, wie mit Hitzköpfen umzugehen ist. Schließlich war er selbst mal einer - „der härteste“, wie viele seiner Untergebenen gern behaupten. Jetzt studiert Nahkampfexperte Merz – mustergültig und wahrhaftig zum Paulus gewandelt – Medizin und meint es als angehender Chirurg nicht allzu ernst, wenn er gelegentlich deklamiert: „Ich bin der Einzige, der jemanden auseinander nehmen aber dann auch wieder zusammen flicken kann. Irgendwie muss ich ja zu meinen Patienten kommen.“

Sein Check am Einlass des idyllischen Waschhaus-Geländes zeitigt immer einen coolen Spruch: „Darf ich Dir mal an die Wäsche?“, foppt er ein dralles Blondchen, das sich in einen schwarzen Lackmantel und rote Pumps geworfen hat. Merz greift nach ihrem Dior-Imitat-Täschchen, um es nach Alkohol und groben Gegenständen zu checken. Dior-Imitat-Täschchen sind ja von jeher heimtückische Depots für Wodka-Flaschen und Baseball-Schläger.

„Muss sein, weeßte ja“.

Blondie kennt die Prozedur und klappert mit den Wimpern, als wollte sie damit in den Potsdamer Abendhimmel abheben. Ihr Mund formt sich zu einem gespielten Schmollen. Ihre Augen rollen hinüber zu ihrer Freundin, die lässig wie das „White Rabbit“-Girl aus „Matrix“ in ihrem Arm hängt, und dann zurück zu Merz. ‚Du bist mein Typ, Junge’, - sagen jetzt ihre Kulleraugen, sagen ihre kussechten Lippen, sagen ihre prallen Titten, die sich plötzlich und wie auf Kommando aus ihrem Mantel drängen. Denn im Vorbeigehen teilt sich der schwarze Lack ihres Mantels wie ein Theatervorhang und gibt für alle ein hinreißendes wie XXS-verpacktes Alpenvorland frei.

Stephan Merz scheint beeindruckt und grinst. Er wird sich diese kleine Monroe-Maus merken. Wer weiß, was der Abend heut’ noch bringt. Blonder dürfte es jedenfalls kaum werden.

Das Waschhaus erlebt nicht viele solcher Nächte, wo sich Massen drängen, wie sonst nur im „Karli“-Stadion, wenn sich Regionalligist SV Babelsberg 03 aus der Zweiten Liga ballern lässt. Und eigentlich sollten die Waschhäusler glücklich sein über diese Flut partygeiler Nachtschwärmer. Da strömt gutes Geld und gute Laune in den Laden.

Doch Geschäftsführer Michael Wegener, der am Einlass dafür sorgt, dass Merz’ens breite Jungs nicht allzu viele andere breite Jungs durchwinken, „Micha“ Wegener konstatiert mit moralinsaurem Lächeln und einem „Fuji“ in der Hand: „Wir definieren uns hoffentlich nicht allein über diese Partys. Ist schon Wahnsinn, was hier abgeht, aber unser Renommee holen wir uns doch besser mit anderen Geschichten. Zuallererst sind wir immer noch ein Kunst- und Kulturzentrum. Wenn die Leute außerdem meinen, dass wir die beste Party-Location weit und breit sind, dann ist das genau das Bild von uns, das ich mir wünsche.“

Der Waschhaus-Chef nimmt einen kräftigen Schluck von seinem Cola-Whisky-Mix: „Sieh Dir die Leute hier an. Die haben Spaß, die haben Lust, die kommen alle wieder und bringen noch ihre Kumpels mit. Obwohl dann gar keiner mehr treten kann. Aber das ist eben nur ein Abend im Monat. Und wenn wir vom Waschhaus reden, müssen wir den Gesamteindruck nach so einer Party einfach wieder vom Kopf auf die Füße stellen. Kopf – Kunst, Füße – Party, verstehste? Der Kopf sollte schon oben bleiben, okay?“

Kopf und Füße. Gesamteindruck.

Das Statement und die dazu gehörigen Arm- und Kopfverrenkungen kommen jetzt um halb Zwei so kapriziös, dass sicher ist: Wegener strickt sich seine Philosophie nicht erst auf Anfrage zurecht. So steht er da, ist 43 Jahre alt und verzieht sein Gesicht zu einem lippenlosen Grinsen. Er genießt die Wirkung seiner Worte.

Und das Bild stimmt tatsächlich, erst recht, was das Geld betrifft. Denn Kunst kostet - und Partys bringen. So einfach ist das: Kopf und Füße.

Wegener sieht, dass die Botschaft angekommen ist und verabschiedet sich in sein Büro im 1. Stock. „80er“-Dienst heißt für ihn bis zum Sonnenaufgang „Hausaufgaben erledigen“. Er greift nur ein, wenn Pullen, Gläser oder Fäuste fliegen. Aber das kommt zum Glück selten vor. So hat er Zeit, sich auf Bilanzen, Rechnungen und die Post der letzten drei Wochen zu stürzen, auf Steuer- und Krankenversicherungsbescheide oder all die liegen gebliebenen Stellen-, Förder- oder Projektanträge, die seinen Schreibtisch bevölkern wie Haufen unerledigter Bügelwäsche.

Als er sein Passwort in die Tasten klappert, wummern „Depeche Mode“ mit „A Question Of Time“ und 120 Dezibel durch die Wand vom Club nebenan.

Wrummwrumm. Wrummwrumm.

Der Mann hat Nerven.

… Question of Time, It’s A Question Of Time ...

Überhaupt macht der Waschaus-Boss mit den flinken Augen, mit der schwarzen Brille und dem etwas zu jungenhaften Bürstenhaarschnitt den Eindruck, als hätte er die Zügel fest in der Hand, als könnten er und seine Getreuen tatsächlich die Welt zwischen Kunst und Entertainment aus den Angeln heben. An Abenden wie diesen.

Doch das gerade Gegenteil ist der Fall. Der Waschhaus e.V. steckt in der Dauerpleite, die Förderungen werden mit behördlicher wie konstanter Ignoranz herunter geschraubt, die Leute sind demoralisiert und er ist öfter mal arbeitslos. Wie viele seiner Mitstreiter.

Nichts ist so, wie es sein sollte. Gar nichts.

… It’s A Question Of Time ...

Trotzdem hockt Wegener hier, manchmal zehn, manchmal 16 Stunden und rackert und managt und träumt seinen Traum. Vom künftigen „Kultur-Standort Schiffbauergasse“, jenem kreativen Mix aus staatlicher und Freier Kultur. Vom Melting Pott aus Theater, Rock, Pop, Jazz, Bildender Kunst, Tanz, Kino, Literatur und mitreißenden Open-Air-Events. Mittendrin sein Waschhaus - als Leuchturm in dieser von Havel und Kunst umspülten Ecke der Potsdamer Kulturlandschaft.

„Question Of Time, Question Of Time “ – wrumm, wrumm.

„DeMo“-Frontmann David Gahan singt sich langsam in Laune: „You’re only Fifteen...“ Sein Lieblingsthema.

Schnell fliegen Wegeners Gedanken von seinem Schreibtisch fort. Zu oft stellt er sich in letzter Zeit die Frage: Wofür mache ich das eigentlich alles? Hat das noch Sinn?

Es ist wirklich ein Witz: Auf der einen Seite hetzen die Architekten des Potsdamer Sanierungsträgers über das Gelände und nehmen Maß für Sanierung und Entwicklung eines ganzen Hektars purer Kultur. Auf der anderen Seite rennen Wegener die Leute davon, weil er sie nicht mehr bezahlen kann, weil sie andere Jobs finden oder weil irgendwelche ABM-Stellen nicht verlängert werden.

Vieles deutet auf eine Parallele zur Brandenburgischen Philharmonie hin, der man zwar mit dem Nikolaisaal eine noble Konzertstätte hinstellte, es dann aber vorzog, den Klangkörper vor der Eröffnung des Hauses abzuwickeln. Und: vieles deutet auf eine gewisse Absicht seitens der Stadt Potsdam hin. Wenigstens auf eine gewisse Ahnungslosigkeit: Im Schlösser- und Gärten-dominierten Versailles von Deutschland findet sich keine Lobby für die „Freaks“ aus der Schiffbauergasse. Kaum ein Politiker, der sich hierher traut, obwohl das Waschhaus längst kein Szene-Schuppen mehr ist. Kaum ein Gedanke bleibt in den Amtsstuben für die Kultur-Malocher, wenn erst mal von Schlössernacht oder Weltkulturerbe, vom Wiederaufbau des Stadtschlosses und der Garnisionkirche die Rede ist.

Mehr als 100.000 Besucher strömen im Jahr zu den Waschhaus-Events. Doch diese kulturelle Massenbewegung erreicht kaum die Köpfe der Entscheidungsträger. Obwohl das Waschhaus die meistbespielte und -besuchte Kulturstätte der Stadt ist, obwohl selbst die Berliner Club- und Konzertszene die Konkurrenz an der Havel zu schätzen weiß, und obwohl der soziale und wirtschaftliche Nutzen des Waschauses für das Gemeinwesen der Stadt kaum hoch genug zu bewerten ist, stehen Wegener & Co. stets als Bettler vor den Ausschüssen und Ämtern da, um die eine oder andere Förder-Mark herauszuquetschen. Immer wieder. Immer aufs Neue. So, als wäre zehn Jahre lang nichts passiert an der Schiffbauergasse.

Da ist es nur logisch, wenn die Stadt ein Tourismus-Konzept in Auftrag gibt und der Standort Schiffbauergasse samt Waschhaus – zusammen knapp 150.000 Besucher im Jahr - nur durch Zufall darin Eingang findet. Bei einer heiteren Dampferfahrt im Sommer 2000, vorbei an der kulturträchtigen Halbinsel in Richtung Glienicker Brücke, erkundigte sich ein Tourismus-Gutachter der Firma Reppel & Lorenz, was denn „das da“ eigentlich für ein Gelände sei. Mit den alten Hallen und Gasometern, mit den Grünflächen und den schönen verklinkerten Gebäuden ließe sich doch bestimmt etws Sinnvolles anstellen. Das war der Moment, wo sich die Verwaltungsgewaltigen aus Stadtentwicklungs- und Wirtschaftsförderungsamt plötzlich erinnerten, dass hier ein riesiger Kultur-Standort geplant sei. Stirnrunzelnd. Denn hatte das wirklich etwas mit Tourismus zu tun? Ließ sich hier eine preußische Linie erkennen? Hatten hier Lenné und Gontard irgendwelche Spuren hinterlassen? Strömten von hier etwa die Potsdam-Besucher in die Hotelbetten und Restaurants der Stadt?

Michael Wegener überkommt ein Schaudern, als er jetzt, da „DeMo“-Gahan „Exactly what they want you do“ gegen seine Wand schmettert, an die Episode zurückdenkt. Oder an die vielen nutzlosen „Projektlenkungsbeiräte“ des Kulturamtes, in denen sich die Amtsleiter gegenseitig der Inkompetenz zum Thema Kultur-Standort bezichtigten, wo spekulative Subventionen aus dem Kultur-Infrastrukturprogramm Ost oder europäischen Mitteln - die so genannten „Neumann-“ und „EFRE-Millionen“ - durch den Raum schwirrten, wie Fliegen um eine Torte.

Alles Blödsinn. Alles umsonst.

Nach fast sechs Jahren der intensiven Planung, wirtschaftlicher Kalkulationen, mehrfacher Architekenbegehungen und dutzender offizieller und inoffizieller Gespräche – oft am Rande des Nervenzusammensbruchs für alle Beteiligten – nach dieser wahrhaft titanischen Arbeit voller Kompromisse und Notlösungen steht das Waschhaus immer noch mit leeren Händen da. Die Landesentwicklungsgesellschaft (LEG) als Standortentwickler lavierte sich in einen staatlich subventionierten Bankrott, die Stadt Potsdam kann die notwendige Ko-Finanzierung zu den Bundesmitteln (400.000 Euro) oder gar EU-Mitteln (knapp 5 Millionen Euro) nicht aufbringen, und schließlich gerät die geplante „Ertüchtigung“ des sanierungsbedürftigen Waschhauses zu einem Katz- und Mausspiel mit der Bauaufsicht. Die gestrengen Auflagen nach der Bundesverordnung für Versammlungsstätten kann das morsche Kultur-Gemäuer nur bedingt erfüllen – nämlich, „wenn die Behörden alle Hühneraugen zudrücken“, wie es der Standortbeauftragte der Stadt und Ex-Kulturamtsleiter, Martin Schmidt-Roßleben, etwas diabolisch umschreibt. Somit steht das Veranstaltungsprogramm – das einzig wahre Kontinuum an der Schiffbauergasse – ständig vor dem behördlichen Exitus.

Nun, vor einem Jahr fiel wenigstens der Startschuss für den Thaterneubau (1. Bauabschnitt). Schweres Räumgerät frißt sich seitdem in die Mauern und Bleche des alten Gaswerkes nördlich der Schiffbauergasse. Beflügelt von der Entscheidung der Oracle-Zentrale Europa, genau hier mit 200 Mitarbeitern ihr Hauptquartier einzurichten. Ein kräftiges Zugpferd für den Wirtschaftsstandort Schiffbauergasse und allemal ein gutes Omen für den benachbarten „2. Bauabschnitt“, den soziokulturellen Standort für Waschhaus und Co.

Allein, sicher ist hier noch nicht einmal, welche der drei geplanten Varianten für den Ausbau des Geländes realisiert werden soll. Sicher ist nur eins: Variante I und II sind eher halbherzige Versuche, das Überleben der Freien Träger am Platz zu sichern – per Instandsetzung, Um- und Ausbau. Varianten-Planer Norbert Kunz von der Berliner Unternehmensberatung IQ Consult: „Wir müssen hier auf Dauer Wirtschaftlichkeit erzielen, sonst kommen die Freien angesichts der rapide sinkenden Förderung bald unter die Räder. Dazu muss die Infrastruktur und der kulturelle Mix so ausgebaut werden, dass über die Kultur hinaus auch der Tourismus angekurbelt wird. Das heißt, wir brauchen hier auch Restaurants, Läden, überhaupt kulturaffines Gewerbe samt Dampferanlegestelle und Bootsverleih. Hier muss es brummen, auch wenn keine Veranstaltungen stattfinden. Tagsüber, zu Wochenbeginn – 365 Tage im Jahr.“

Kunz, der wie kein anderer die Potenziale und Risiken des Standortes auch in Zahlen auszudrücken versteht, favorisiert klar Variante III. Auch wenn hier die Investitionen mit mehr als 8 Millionen Euro größer sind, als Variante I und II zusammen – am Ende würde ein vitaler kultureller und wirtschaftlicher Komplex stehen, der weitgehend unabhängig von der öffentlichen Hand existieren könnte. In einmalig schöner Lage am Tiefen See.

Aber nur Gott weiß, ob und wann die Stadt Potsdam in der Lage ist, ihre Finanzierungsbeihilfen zu erbringen. So verweigerte Finanzbeigeordneter Hans-Joachim Bosse bis zum letzten Tag seiner Amtszeit dem Beschluss zum Theaterneubau seine Zustimmung. „Potsdam kann sich das nicht leisten!“ So musste Oberbürgermeister Platzeck daran erinnern, dass die bewilligten Landes- Millionen für das Theater und den Standort verfallen, wenn die Stadt nicht mitzieht. Verheerend für alle und eine „Blamage“ sondergleichen.

Da an den Theaterneubau die Entwicklung des gesamten Standortes gekoppelt ist, hängen alle Folgemaßnahmen im „2. Bauabschnitt“ buchstäblich in der Luft. Die Stadt muss sich endlich entscheiden. Jetzt, so Standortbeauftragter Schmidt-Roßleben, gehe es um die Wurst. Denn der nach der LEG neu eingesetzte Potsdamer Sanierungsträger samt BIG Städtebau als Standortentwickler präferiert seit jüngstem nicht mehr die Kultur, sondern Gewerbe und Dienstleistungen als Motor des Fortschritts am Platze.

Baubeigeordnete von Kuick-Frenz dementiert zwar tapfer die Gewichtsverlagerung. Aber die Botschaft scheint – angesichts der Finanzmisere der Stadt Potsdam – sonnenklar. Kommt die Wirtschaft, kann auch die Kultur hier weiter wachsen. Oder anders rum: Wir müssen hier Geld verdienen, dann können wir auch die Künste retten.

So ist das.

… A Question Of Time, It’s A Question Of Time …

Aus dem Club nebenan hört Wegener die Massen johlen. Depeche Mode starten die letzte Strophe ihres Hits. Alles kreischt.

Plötzlich fliegt die Tür auf und ins Geschäftsführer-Büro stürmt Ingo Bröcker-Wätzel, der Waschhaus-Booker. Heute ist er mal wieder Teil des berüchtigten DJ-Teams „Erste Hilfe“. Unten im Saal. 300 Leute flippen aus bei seiner Musik.

Zwischen den 80er-Partys verbringt „Inscho“ sein Booker-Dasein mit wichtigen Telefonaten – Plattenlabel, Bandmanager, Konzertagenturen. Solche Sachen. Der Mann ist gut. Sehr gut, sogar. Immerhin ist er der Einzige, der von Anfang an dabei ist und es geschafft hat, mit seinen Konzerten und Partys den Provinz-Schuppen Waschhaus in die Top Ten der Berlin-Brandenburger Club-Liga zu katapultieren. Der smarte Hobby-Läufer könnte als Kay-Pflaume-Double durchgehen. Gleichwohl ist er Strippenzieher, Trendscout und genialer Programmplaner zugleich. Und wer nur ehrlich genug ist, weiß: Sagt man Waschhaus, meint man Bröcker-Wätzel.

An seinem Gürtel hängen die Skalps von Rammstein bis Tocotronic, von den Scycs über Rosenstolz bis zu Freundeskreis, von Marusha, Westbam oder den Stereo MC’s. An die 1.000 Bands und DJs hat er in die Provinz nach Potsdam gelotst. Meist Newcomer, Talente oder Durchstarter, die kurz vor ihrem ersten Plattenvertrag, dem ersten Chartbreak standen. Eigentlich müßte er längst eine eigene Agentur haben – mit seinem Know How, seinen Kontakten. Gelegentlich träumt er davon.

So trägt der Mittdreißiger schon mal prophylaktisch ein cooles Basecap und coole Twenklamotten und wirft mit coolen „Branding“-, „Fixing“- oder „Out-Burner“-Sprüchen aus der Branche um sich. Selbst wenn er sie zuweilen verwechselt. Die Leute sollen kapieren, dass er nicht mehr der gelernte Lokführer aus Blankenburg ist. Er hat’s geschafft. Er ist durch. Er ist Chef. Genau. Die Gornys und Schwenkows dieser Welt müssen nicht mehr suchen. Er steht bereit.

Doch im Moment muß Bröcker-Wätzel sich um irdische Dinge kümmern. Halb Vier. Ein Klo ist verstopft und nirgends einer der Haustechniker aufzutreiben. Außerdem ist es Zeit, die DJs und Merz’ns Security-Jungs auszuzahlen. Und während Depeche Mode ganz unbekümmert mit „... it\'s running out for you“ zur Sache kommen, brüllt Bröcker-Wätzel in sein Handy, um entsprechende Kommandos zu erteilen. Dann greift er sich ein paar „Pauschalkraft-Verträge“ und verschwindet wieder, noch bevor Wegener dazu kommt, ihm ein wütendes „Tür zu!“ hinterher zu brüllen.

Der Geschäftsführer grummelt etwas von „Tollhaus“ und widmet sich wieder seiner Post. Doch seine Konzentration ist dahin. „Scheiße“, flucht er leise und lehnt sich in seinem abgewetzten Sessel zurück. Er muss an die Stimmung im Haus denken, wo das Lachen abhanden gekommen scheint und die miese Bezahlung den Spaß an der Arbeit immer mehr verdirbt. Was kann er noch tun? Womit kann er seine Leute noch motivieren?

Wegener ist ratlos. Die Durchhalteparolen und „Übergangslösungen“, die er ständig aus dem Hut zaubert, mag keiner mehr hören. Irgendwann wollen die Waschhaus-Kämpfer eine echte Perspektive vor Augen haben. Die Ernte einfahren nach der jahrelangen Plackerei.

Sicher, der Kultur-Standort Schiffbauergasse ist so eine Perspektive. Nur bleibt völlig unklar, wie sich der Millionen-Segen auf das Waschhaus genau auswirkt. Und vor allem: Wann? Wann geht die Sanierung los? Der Umbau? Wann kommt der neue Eingang? Wann die neuen Sanitäreinrichtungen, die neuen Galerieräume, die neue Garderobe, die neue Bar? Wann? Wann? Wann?

Keine dieser Fragen kann Wegener beantworten. Und richtig mulmig wird ihm, wenn er nur daran denkt, wie er den verschuldeten Verein bis dahin über Wasser halten soll. Krankenkassen und Fiskus rücken ihm auf den Pelz und unbezahlte Rechnungen rauben ihm den Schlaf. Die eben ausgegründete Waschhaus Promotion GmbH kann zwar ein paar Steuererleichterungen verschaffen, und ein paar Stellen lassen sich darüber auch finanzieren. Aber der gesamte Unterbau, die Basis-Finanzierung droht wegzubrechen, wenn nicht bald ein Wunder geschieht.

Die ständige Finanznot als Ergebnis eines nichtkommerziellen Kulturbetriebs – das meint Kultur mit Anspruch, statt „Disse“ mit „Abzocke“ -, diese Art, einer schnellebigen und markencodierten Vergnügungssucht junger Leute Paroli zu bieten, funktioniert nicht mehr. Das Modell „Soziokultur“, in den Siebzigern von den 68ern im Westen begründet, in den Achtzigern emporgewuchert zur mächtigsten Alternative im subventionsmüden Kulturföderalismus des Staates und nun - wie in wilden Postwendezeiten, so im Waschhaus - zum exemplarischen Muster getrimmt, dieses Modell für Träumer und Traumtänzer, für Kunstrevoluzzer und gnadenlose Selbstausbeuter hat Anfang des neuen Jahrhunderts ausgedient. Scheinbar.

Es ist nicht mehr schick, ambitioniert zu sein. Nicht mehr cool, eine Idee ohne jeden Verwertungsgedanken im öffentlichen Raum zu platzieren. Jetzt, in Zeiten ausgelutschter Haushalte, regressiver Investitionen und schwindender Kulturetats – Brandenburg gibt das wenigste Geld für diesen Bereich aus – jetzt geht’s nur noch ums Geld. Schnelles Geld. Und um Spaß. Schnellen Spaß. Die Start-Up-Maniacs, die Online-Broker und wieselflinken Play-Station-Junkies lassen grüßen. Das Waschhaus ist nicht „Big Brother“, auch wenn First-Sequel-Winner Johnny hier einst seine „ultimative“ und „einzige“ Welcome-Party abfeierte.

Früher hat es Wegener nicht gestört, wenn er mit seinem roten und auf Pump abbezahlten Golf in den Urlaub tuckerte. Einmal in drei Jahren. Doch nun, nach acht Jahren Waschhaus-Knufferei macht er sich doch langsam Gedanken. Nicht über den Rost am Kotflügel oder das bei einer 80er-Party geklaute Autoradio. Nein, über den Sinn seiner Arbeit, seinen persönlichen Erfolg.

Gibt er den neuen Sisyphos?

Der Waschhaus-Chef ist kein Karriere-Mensch. Eine gewonnene Lotto-Million würde er eher in seinen Laden stecken, statt mit seiner Kathrin in die Karibik abzuzwitschern. Doch sein Idealismus bröckelt. Seine Kräfte schwinden. Nur die Hoffnung, seine Hoffnung - auf eine für ihn noch greifbare Zukunft am neuen Kultur-Standort Schiffbauergasse - stirbt zuletzt.

Es geht längst nicht mehr um bahnbrechende Events, die sogar bundesweit von sich reden machen. Jetzt geht’s um Bestandssicherung. Retten, was zu retten ist. Wenigstens, bis bessere Zeiten kommen. Das heißt: Programm durchziehen, den selbst erwirtschafteten Anteil von 60 Prozent am Etat weiter erhöhen, Kosten senken, Leute kurz halten.

Die Konzert- und Galeriebesucher, die Mittwoch bis Sonntag den liebgewonnenen Kulturtempel stürmen, bekommen von all den Sorgen fast gar nichts mit. Der Laden brummt. Meistens. Noch. Immer noch laufen an die 30 Konzerte, Partys und Ausstellungen im Monat.

... It won\'t belong until you\'ll do exactly what they want you to …, flötet Gahan durch die Wand.

Wegener zieht ein Schreiben vom Ordnungsamt aus dem Papierhaufen auf seinem Tisch. Das Briefchen ermahnt ihn, das jüngst ergangene Plakatierungsverbot an Lichtmasten und öffentlichen Flächen einzuhalten. Herr Sowieso droht mit dem Kadi. Wegener versteht: Die Stadt ist nicht nur Sanssouci, sondern „rein“. Wie, zum Teufel, sollen die Leute ins Waschhaus kommen, wenn wir keine Plakate kleben dürfen?

Doch sein Unmut hält sich in Grenzen. Vor Jahresfrist musste er seine Vertriebsleute feuern, da deren so genannte „JuSoPro“-Stellen nicht verlängert wurden. Wer sollte also irgendwelche Plakate an irgendwelche Lichtmasten pappen?

Der Brief bringt den Waschhaus-Chef in Kämpferlaune. Seine Müdigkeit verfliegt. Er war schon mit ganz anderen Problemen fertig geworden. Er ist Experte für Probleme. Von seinem ersten Tag im Waschhaus an. Das war 1993. Mit einem gelösten Problem geht er irgendwann ins Bett, und mit einem neuen steht er morgens wieder auf. War schon immer so.

Dabei fing alles so gut an. Die ehemalige Militärwäscherei, erbaut von Preußens Gnaden anno 1840 für das Garde-Husaren-Regiment und später als VEB Textilreinigung in die sozialistische Planwirtschaft „eingetaktet“, wurde 1992 von ein paar Bildenden Künstlern im Handstreich besetzt. Einer Truppe, die zu weniger freizügigen DDR-Kunstzeiten Domizil und Abgeschiedenheit bislang in Strohdehne, nahe Rathenow, gefunden hatte und nun in ihrer Heimatstadt Fuß fassen wollte. Erklärtes Ziel der Potsdamer: Aufbau eines unabhängigen Kunst- und Veranstaltungszentrums. Ein wahrer Befreiungsschlag gegen die bislang verordnete Staatskultur der SED-Oberen. Alles sollte anders werden. Weg mit den künstlerischen Grenzen! Schluss mit der Bevormundung! Auf in die neue Freiheit! Wie das laufen sollte – keiner hatte eine Ahnung. Nur anfangen.

Namhafte Künstler unterstützen das Projekt mit Ausstellungen. Ben Wargin ist einer der ersten, so dass selbst Landesvater Stolpe die baufällige Kulturbrache mit einem Besuch adelt. Die ersten Techno-Beats dröhnen genau da durch die Hallen, wo ehedem riesige Wasch- und Heizkessel vor sich hindampften. Rasend schnell handeln Potsdamer und Berliner die neue Kulturstätte als Geheimtip. Es riecht nach Aufbruch in der Schiffbauergasse, nach innovativen Projekten und angesagten Partys. Nach frischer Kunst: Statt à la carte – Avantgarde. Wer mitreden will, muss einfach ins Waschhaus. Logo.

Probleme?

Das erste Problem wurde überraschend schnell abgehakt: Während es 1992 in der Gutenbergstraße im Herzen der Stadt bei der Hausbesetzer-Szene zuging wie in der Hamburger Hafenstraße, erkannten die frisch gewählten Stadtoberhäupter das Potenzial des Kunstzentrums und ließen es gewähren. Mit der Gründung des Waschhaus e.V. im Januar 1993 existierte alsbald ein Freier Träger, der einen offiziellen Geschäftsbetrieb aufnehmen und somit Fördermittel oder Stellen beantragen konnte. Der Anfang war geschafft. Nun ging es daran, die Flächen und ehemaligen Reithallen mit Leben zu erfüllen.

Probleme?

Niemanden störte es, dass nebenan – bis 1994 – noch die Russen hausten, die mit einer Transportabteilung des KGB einen ganzen Hof bevölkerten. Es gab keine funktionierende Heizung im ersten Jahr, keine richtigen Computer, keine eigene PA für die Bands. Es wurde geborgt und improvisiert. Und: gestritten. Das war tatsächlich ein Problem – die Basisdemokratie. Jeder mischte sich überall ein. Besonders, wenn es um die Künstler ging. Dem einen gefiel diese Band nicht, dem anderen jener Maler. Aber es war ein lösbares Problem. Strukturen wurden geschaffen, Hierarchien und pfiffige Leute installiert. Grundlagen für ein semi-professionelles Arbeiten am Rande des Existenzminimums.

Bald toben „Motörhead“ und „Fanta 4“ über die Open-Air-Bühne. 1995 bricht ein Flamenco-Festival alle Besucherrekorde der Potsdamer Nachwendezeit. In den Kunsträumen von Galerieleiter Erik Bruinenberg tummeln sich aufmüpfige Underdogs aus der Region neben internationalen Größen der Branche. Bis 1999 geraten die Projekte immer gewaltiger, immer erfolgreicher. Alles scheint möglich: Armando kommt, Ward Shelly, Reichenberg. Die „Jungen Wilden“ vom Savigny-Platz - Fetting, Bach, Castelli, Schepers und von Bergmann – stellen nach zehn Jahren erstmals wieder gemeinsam aus. Nicht in Berlin, im Potsdamer Waschhaus.

Schließlich verfrachtet der Ire Michael Timpson Tausend Autoreifen, ebenso viele Paar Stiefel und T-Shirts in die Russenhalle, stellt darauf 36 „Ford Ka“, hängt darüber 36 Stühle mit Darstellern, die in 36 Fernsehern 36 verschiedene Programme glotzen und nennt das Ganze „A Man Got Lonesome And Hankered“ – „Den Einsamen befällt die Gier“. Ein Fressen für die Feuilletons im Lande. Der Zenit des Vereinsschaffens ist erreicht. Was konnte nun noch kommen ...?

Exactly what they want you to do …

Michael Wegener kommt bei dieser Musik ins Schwärmen. Nicht weil er sie mag – er ist Jazz- und Flamenco-Liebhaber und stampft, wie im Mai 2002, lieber ein Zirkuszelt samt Jazzfestival mit Till Brönner und Helge Schneider aus dem Boden. Nein, weil sie so leicht ist. Depeche Mode, der letzte „Fuji“ und seine Erinnerungen lassen den Groll gegen Herrn Sowieso vom Ordnungsamt verblassen. Der Waschhaus-Chef reibt sich die Augen unter der schwarzen Brille bis sie rot sind. Dann dreht er sich zu seinem Computer. Wahrscheinlich ist es zu spät, um eine neue Revolte anzuzetteln. Irgendwie kommt ja doch alles in seine Bahn.

Irgendwer hat ihm einmal gesagt, das Waschhaus sei doch inzwischen ein unsinkbarer Flugzeugträger. Nicht mehr wegzudenken aus dem Leben der Stadt. Nicht kleinzukriegen im Gerangel um Fördertöpfe und politische Machtinteressen. Aber wie war das mit der Titanic?

I know my kind what goes on in our minds.

DJ “Softpop Baier” nimmt im Club nebenan mit seinen Reglern Mr. Gahan die Luft, so dass der Song langsam ausklingt. Er will jetzt noch eins drauf setzen – mit Franky goes To Hollywood: “Do You Really Want To Hurt Me?“

Im selben Moment, da er am Deck 2 auf „Play“ drückt, zieht Wegener in seinem Büro die Maus auf „Beenden“. Im Flyout erscheint „Herunterfahren“.

Wegener klickt „OK“.

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